Maßgeschneidert

von Christian Rakow

Berlin, 26. Juni 2017. Für alle, die die Veranstaltung letzte Woche auf Twitter annonciert fanden, gilt es, Rapport zu geben: Der künftige Volksbühnen-Intendant Chris Dercon und seine Programmverantwortliche Marietta Piekenbrock waren heute zur Anhörung im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Tagesordnungspunkt "Konzeption für die neue Volksbühne", auf Antrag der Regierungsfraktionen SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen. Auf eine Begründung des Antrags verzichtete Ausschussvorsitzende Sabine Bangert (Grüne) ausdrücklich. "Ich denke, sie erklärt sich von selbst."

Es gilt die Kunstfreiheit

Schade eigentlich. Eine Erklärung hätte fraglos geholfen. Etwa den Eindruck zu zerstreuen, dass eine solche Vorladung einen Monat nach der Programmvorstellung der #volksbuehne1718 (wie sie auf Twitter heißt) als Misstrauensvotum aufgefasst werden könnte. Oder man hätte dem Verdacht wehren können, ebendiese Pressekonferenz im Mai sei an den Abgeordneten überhaupt vorübergegangen. Denn was in der guten Stunde Anhörung passierte, war, dass Dercon/Piekenbrock ihr Programm in seinen Eckpfeilern erläuterten. Das dazugehörige rote Spielzeitbuch war zuvor an die Ausschussmitglieder verteilt worden.

Aus dem bunten Reigen an Nachfragen, die länglich gesammelt wurden und also nirgends direkt pariert werden mussten, ragte etwa eine solche heraus: Wo denn die "ästhetische Klammer" zu erkennen sei. Das ist zwar eine schöne feuilletonistische, aber streng genommen keine politische Frage. Es gilt die Kunstfreiheit, und die Politik hat sich lediglich um die strukturellen Rahmenbedingungen zu kümmern.

Nachfragen wären angebracht gewesen

Zu diesen Rahmenbedingungen gehört der im Haushaltsplan verankerte Auftrag, die Volksbühne als "Ensemble- und Repertoiretheater" zu führen. Dieser Auftrag wird von Kultursenator Klaus Lederer mit strengem Fingerzeig angemahnt (er ist bekanntlich ein Kritiker der Intendanz-Entscheidung, die noch unter seinen Ressort-Vorgängern Michael Müller und Tim Renner fiel).

Kulturausschuss Berlin Juni2017 560 chrIm Berliner Kulturausschuss – vor den Abgeordneten die roten Programmbücher der Volksbühne Berlin für Spielzeit 2017/18 © chr

Erst vergangene Woche hatte der Theaterkritiker Ulrich Seidler in einem großen Artikel für die Berliner Zeitung dem neuen Volksbühnen-Programm vorgeworfen, "dass das Repertoire- und Ensembletheater Volksbühne lediglich als Worthülle übrig bleiben wird". Eine Überprüfung dieser These versagte sich der Kulturausschuss.

Dabei wären Nachfragen schon angebracht gewesen. Marietta Piekenbrock bezeichnete die Ensemblefrage selbst als "Killerfrage", die ihr "zugeteilt" worden sei. "Stück-Ensemble" werde man bilden, und zwar "maßgeschneidert". Soll heißen: Für jede Produktion wählen sich die eingeladenen Regisseur*innen und Choreograph*innen ihre Mitspieler*innen nach den spezifischen Bedingungen ebendieser Produktion (etwa Mohammad Al Attar eine Gruppe mit syrischen Frauen für seine "Iphigenie").

En suite statt Repertoire?

Zugespitzt gesagt: "Ensemble" ist immer dort, wo Menschen sich zu einem Produktionsprozess temporär zusammenfinden. Von dem "Ensemble"-Begriff des Stadttheaters, wo sich Spieler*innen regelmäßig in unterschiedlichen Produktionen mit unterschiedlichen Regisseur*innen verbinden, ist dieser Begriff denkbar weit entfernt.

Zum Repertoire hieß es, ebenfalls von Piekenbrock: Man werde "die meisten" der Eröffnungsproduktionen "wenigstens einmal im Quartal" zeigen. Auch das klingt eher nach dem En-suite-System von Produktionshäusern wie HAU oder Kampnagel als nach einem Repertoire, wie es das Deutsche Theater oder das Berliner Ensemble produzieren. Unabhängig von der Frage, ob dagegen aus ästhetischen und theaterpraktischen Gründen etwas einzuwenden ist, hätte man von der Politik an dieser Stelle wohl doch ein paar strukturelle Nachfragen erwartet. Soweit der Rapport.


Alles zu den Plänen der kommenden Volksbühne Berlin finden Sie im Bericht über die Programm-Pressekonferenz (mit Video-Mitschnitten), im Video-Interview mit Chris Dercon sowie auf der Homepage www.volksbuehne1718.berlin.

Das Wortprotokoll der Ausschußsitzung steht hier.

 

Kommentare  
#1 Kulturausschuss Berlin: unfairStefan 2017-06-26 20:42
Die Schaubühne spielt doch auch fast nur en-suite!

Und Tanz hatten sie auch jahrelang fest im Programm (Sasha Waltz, Constanza Macras)! Oh,weis!

Und: Konzerte und so vieles andere mehr als reines sprechendster war doch seitdem ich denken kann Programm der Volksbühne.

Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Castorff hatte kein klassisches Ensemble, es war im Vergleich klein und auch er holte sich bzw. die anderen Regisseure die Leute speziell and Haus, die sie brauchten

Ich finde es total unfair, was da abläuft und jeder, der ab nun Kritik übt, sollte sich mal an die eigene Nase fassen.
#2 Kulturausschuss Berlin: Ensemble-BegriffMartin Waßmann 2017-06-27 00:01
Ihren Ensemble-Begriff des Stadttheaters find' ich schon interessant, Herr Rakow. Wenn Sie schreiben, dass sich Spieler regelmäßig in unterschiedlichen Produktionen mit unterschiedlichen Regisseuren verbinden, umgehen Sie damit natürlich der Tatsache, dass sehr viele der bisherigen regelmäßigen Volksbühnen-Spieler auch mit Verträgen für jeweils einzelne Produktionen gehabt haben. Gerade bei den Inszenierungen von Herbert Fritsch waren das doch meistens ganz andere Leute als in den Inszenierungen etwa von Frank Castorf oder René Pollesch. Da wir noch gar nicht wissen, welche künftigen Darsteller wie häufig mit wem am Haus arbeiten werden, kann man doch noch gar nicht sagen, ob der künftige Ensemble-Begriff so weit vom bisherigen entfernt sein wird. Und warum der Kulturausschuss ausgerechnet Thesen von Ulrich Seidler, der in seinem Artikel lediglich auf den alten Grabenkämpfen beharrt, überprüfen sollte, erschließt sich mir auch nicht.
#3 Dercon vorm Kulturausschuss: ZerstörungBeobachter 2017-06-27 17:03
Nochmal zur Erinnerung folgender Artikel:

berliner-zeitung.de/.../...

"...Aber je länger man in das kleine rote Büchlein mit den zusammengesammelten Namen starrt, ein bisschen nachblättert, wo die gastierenden Künstler in der Stadt und die als Premieren verkauften Produktionen schon überall zu sehen waren, desto klarer wird einem, dass das Repertoire- und Ensembletheater Volksbühne lediglich als Worthülle übrig bleiben wird... Der Umstand, dass die Castorf-Schauspieler über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich auch ohne Festvertrag miteinander gespielt haben und auf Gedeih und Verderb geradezu süchtig nacheinander sind – ähnlich wie die René-Pollesch-, die Christoph-Marthaler- und die Herbert-Fritsch-Spieler –, wird nun gleichgesetzt mit der Einkauferei von bewährten Namen, die ihre Leute mitbringen... Die Volksbühne wird als Theater geschlossen. Das geht offenbar ohne Parlamentsbeschluss... Was in der nächsten Spielzeit aufmacht, ist der Idee nach ein Festivalzentrum... Alle Beteiligten schauen diesem begrifflich bemäntelten, betriebswirtschaftlichen und institutionellen Systemwechsel zu..."

Es ist erbärmlich, dass sich verantwortliche Politiker, insbesondere Klaus Lederer, der sich im Wahlkampf noch ganz anders geäußert hat, offensichtlich nur um ihre eignen Posten sorgen und weder etwas dagegen unternehmen noch etwas dazu sagen.
#4 Dercon vorm Kulturausschuss: genauer bittePedant 2017-06-27 17:24
@1 und 2:
Die Schaubühne spielt nicht ensuite, die spielt in Vorstellungsblöcken. Das hat soweit ich weiß vor allem mit der besonderen Raumsituation zu tun, weil es keine klassischen Guckkastenbühnen sind, sondern leere Raumbühnen, die immer für eine bestimmte Produktion oder einen bestimmten Zeitraum neu aufgeteilt werden. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war die Schaubühne irgendwann an dem Punkt, dass sie aus Kostengründen wegen zu kleiner technischer Mannschaft die Möglichkeiten der Räume gar nicht mehr nutzen konnten und deshalb wurde der Spielrhythmus umgestellt. Aber die Stücke sind sehr lang im Repertoire. Das wird mit den Stücken, die die neue Volksbühne ankündigt, zum großen Teil gar nicht möglich sein, weil sie gar nicht von der Volksbühne produziert sind. Die gibt es nämlich zumeist schon, zum Teil werden sie nur etwas modifiziert. Und es ist etwas anderes, ob ein Haus wie die Schaubühne oder die Volksbühne eine große Anzahl eigener Schauspielproduktionen im Repertoire haben und AUCH Tanz machen (abgesehen davon, dass es in der Schaubühne zeitweilig auch der Förderauftrag war, dass die sich das teilen), oder ob das Haus VOR ALLEM komplett eingekaufte oder modifizierte Tanzproduktionen im Spielplan hat und AUCH mal eine Schauspielproduktion macht. Mit den Konzerten wird es noch deutlicher, die VB macht regelmäßig Konzerte, ja, die LADEN BANDS EIN. Die verkaufen nicht eine etwas modifizierte Popkonzertshow, die schon einmal so ähnlich stattgefunden hat, als eigene Theaterinszenierung und gucken groß, wenn das Theaterpublikum sich wundert.
Gucken Sie doch mal auf die angekündigten Termine, das ist kein Spielplan eines Repertoiretheaters, sondern ein extrem löchriger Schweizer Käse. Kann man zählen, nicht so kompliziert. Die alte VB hat so Zeug, wie nun vollmundig als das Kernprogramm der Neuen angekündigt ist, als Beiprogramm gemacht - das ist der Unterschied.
Und zur Ensemblefrage, das nervt auch: Rakow sagt mit keinem Wort, dass die alte Volksbühne das optimale Ensemblemodell verkörpert. Tatsache ist aber, dass die neue gar kein Schauspielensemble hat. Und es wäre ökonomisch Schwachsinn, für so einen Spielplan eins aufzubauen, was machen die denn dann die ganze Zeit während der Tanzgastspiele und Popkonzerte und Außenprojektionen. Sich im Beckett-Monolog abwechseln? Hilfe! Ich hab in der alten VB übrigens oft die gleichen Schauspieler gesehen, und dass so Leute wie Wuttke oder Fabian Hinrichs nicht im Festengagement sind, aber der VB eng verbunden sind, ist verantwortungsbewusst. Besser, als wenn sie sich bezahlen ließen aber ihre Superstar-Position benutzen, um regelmäßig Gastierurlaub oder drehfrei zu fordern.
#5 Dercon vorm Kulturausschuss: Mittelalter als Zukunftmarie 2017-06-28 10:05
#4

"Die alte VB hat so Zeug, wie nun vollmundig als das Kernprogramm der Neuen angekündigt ist, als Beiprogramm gemacht - das ist der Unterschied." ... genau wie die enge verbundenheit vieler über jahrzehnte für die "sache" volksbühne in ihrer vielfalt... theater auf weltniveau mit einer kantine, in der DIE massendemo 1989 geboren wurde, dass scheint einfach nicht mehr in den herrschenden zeitgeist zu passen und hat seine parallelen zum schloßneubau ...

wer darin die "zukunft" sieht, landet historisch und kulturell bald im mittelalter
#6 Dercon vorm Kulturausschuss: verschwenderischCaterer 2017-06-28 21:11
#4: Ehrlich gesagt finde ich das mit den "Vorstellungsblöcken", in denen das lange in der Schaubühne verbleibende Repertoire verbleibt sogar sehr angenehm. Alle Theater haben mittlerweile ein so großes Programm und so viele Neuinszenierung, dass ihre Programme mitunter aussehen wie die Fernsehprogramm in den Zeitungen. Das finde ich eher unangenehm, weil ja für so eine Abendvorstellung nicht einfach ein Film abgespielt werden kann und dafür ein Tastendruck reicht. Ich finde, es hat auch für die Verständigung - zumindest des Abo-Publikums - untereinander nach dem Besuch einer Inszenierung Vorteile, die so vielleicht nur im Abstand von zwei oder drei Tagen erfolgt und nicht im Abstand von zwei Wochen, wo im Bekanntenkreis für den Austausch schon wieder andere Sachen in den Vordergrund gerückt sind... Und schließlich: Wer Lust hat, kann die gleiche Inszenierung dicht aufeinanderfolgend in unterschiedlichen Sprachen übertitelt sehen! Das finde ich sogar sehr reizvoll! Unabhängig von den innerbetrieblichen Raum-Zwängen, von denen ich als Publikum keine Ahnung habe. Allabendlicher Wechsel scheint mir aber auch als Angestellte im eher langweiligen öffentlichen (Büro)dienst irgendwie verschwenderisch, nur schon so beim Blick auf die Programme.
#7 Dercon vorm Kulturausschuss: AnmerkungPolitiker 2017-07-01 01:47
Eine solche Präsentation vor dem Kulturausschuss ist völlig normal und üblich, auch Oliver Reese präsentierte ebendort vor Kurzem sein Programm für das BE. Nur nimmt das in der Regel niemand wahr. Sie machen mit genau dieser Berichterstattung, immer auf der Suche nach der nächsten Dercon-Neuigkeit, daraus eine große Geschichte und geheimnissen irgendwelche ominösen Gründe in diesen Auftritt. Die Medien scheinen getrieben von der stetigen Angst, einen Halbsatz von Chris Dercon verpassen zu können, und machen sich damit lächerlich. Und beschweren sich dann noch, dass er wieder das Gleiche sagte. Dann sparen Sie sich und dem Leser doch den hundertsten nichtssagenden Artikel in dieser Sache! Geht Ihnen diese Überberichterstattung über jeden Volksbühnen-Furz nicht langsam selbst auf den Nerv? Wieso legen Sie hier andere Maßstäbe an als beispielsweise beim BE? Erschreckend und unreflektiert, wenn dann so Halbwahrheiten verbreitet werden.
#8 Dercon vorm Kulturausschuss: bemerkenswertChristian Rakow 2017-07-01 12:54
@7 Sehr geehrter Politiker, es wäre Frau Bangerts Aufgabe gewesen, die Veranstaltung richtig einzuordnen (siehe oben). Das Medieninteresse war ja allgemein nicht gering (bis hin zu 3sat). Der Wunsch nach Klärung einiger Fragen zur Zukunft der Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater besteht in weiten Teilen der Öffentlichkeit seit geraumer Zeit, seit der Programmpressekonferenz der volksbühne1718 im Mai in erhöhtem Maße. Bemerkenswert, dass die Ausschussmitglieder diesen Wunsch, da etwas verständnisbildend zu wirken, nicht hegten (siehe oben). Das Signalwort "Killerfrage" hat hier auch nicht zu erhöhter Aufmerksamkeit geführt.

Im Übrigen wundert es mich, dass Sie anonym kommentieren, wenn doch Ihre diskursive Rolle als "Politiker" hier zur Wahrheitsfindung beitragen soll.
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