Die Realität reicht euch nicht!

von Philipp Bovermann

München, 27. Juni 2017. Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) geht auf Klassenfahrt. Es hat sich dafür einen roten Bus gemietet, der nun auf dem Schulhof des Münchner Sophie-Scholl-Gymnasiums steht. Im Vorzimmer zum Büro des Rektors sitzt am Montagmorgen Philipp Ruch, "Chefunterhändler" des Berliner Aktionskunst-Kollektivs, samt seinem "Eskalationsbeauftragten". Ihnen gegenüber: Der Oberschulleiter und eine Geschichtslehrerin. Als Zeugen sind ausgewählte Medienvertreter von dem Termin informiert worden. Wer hier wem Nachhilfe gibt, ist klar. Ruch spricht, die Beamten schreiben fleißig mit.

Er suche, sagt er, den Hans und die Sophie Scholl 2017. Die bayerische Staatsregierung habe einen Schülerwettbewerb ausgerufen zum Gedenken an die Geschwister Scholl. 1943 wurden sie im Lichthof der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit gegen Hitler gerichteten Flugblättern erwischt und anschließend von der Nazijustiz zum Tode verurteilt und hingerichtet. Schüler sollen nun ein eigenes Flugblatt gestalten – und können dafür mit ein bisschen Glück einen von hundert attraktiven Preisen gewinnen! Besonders Mutige dürfen sich außerdem für eine von zwei Reisen in eine "Diktatur deiner Wahl" bewerben, um die prämierten Flugblätter dort zu verteilen. Der Freistaat zahlt. Ruch lehnt sich strahlend zurück, wie nach einem bombigen Verkaufsgespräch. "Und? Was sagen Sie?"

Der Rektor schluckt. Bald wird ihm dämmern, welche Rolle er hier zu spielen hat. Das Problem, sagt die Geschichtslehrerin, seien die "Arbeitsmaterialien und Aufgaben für den Unterricht". Alle bayerischen Gymnasien haben sie diesen Morgen mit der Post erhalten. Nur das Sophie Scholl-Gymnasium bekommt sie, des Namens wegen, persönlich zugestellt. Die Broschüre enthält Denkaufgaben für den Geschichtsunterricht sowie vom ZPS gefakete Vorworte vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann und dem Kultusminister Ludwig Spaenle. Sie rufen dazu auf, "sich gegenüber den Feinden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht neutral zu verhalten, sondern sich zur Wehr zu setzen", wie das guter bayerischer Brauch sei. Das Wappen des Freistaats ist vorne drauf, außerdem ein schnittiges Logo für die Aktion. Scheinbar hat alles seine Ordnung.

Eine Schule wird moralisch bedrängt

"Unter Vorspiegelung falscher Berechtigungen" werde hier keine künstlerische, sondern eine politische Aktion durchgeführt, sagt nun die Geschichtslehrerin. Denn in den beiden Ministerien weiß man nichts von der Lehrplanänderung und wird später auf Pressenachfrage auch nur vom "sogenannten Zentrum für politische Schönheit" sprechen.

Scholl2017 2 560 ZPS uEin aufklärerischer Bus – die Aktionszentrale von "Scholl 2017" © ZPS

Während das Gespräch mit dem Rektor, der die Aktion abbrechen will, zielsicher auf die kalkulierte Eskalation zusteuert (Ruch: "Sie kommen mir vor wie der Rektor der LMU im Jahr 1943!"), ist draußen gerade Pause. Die "Bereitschaftshumanisten" des ZPS verteilen Flyer an die Schülerinnen, es ist ein reines Mädchengymnasium. Wer anbeißt, wird in den Bus geführt. Stempelkissen stehen hier herum und Leitz-Ordner. "Hier unterschreiben, bitte! Viel Spaß in Russland!" Und nicht vergessen: "Я несовершеннолетний гражданин Германии и хочу поговорить с немецким посольством." ("Ich bin minderjähriger deutscher Staatsbürger und möchte mit der deutschen Botschaft sprechen") – steht auf einem Merkblatt für den Fall der widerstandskämpferischen Komplikation im autokratisch regierten Ausland.

"Scholl 2017", so nennen sie's, ist eine typische Aktion des ZPS. Politische Verantwortungsträger werden beim moralischen Schlafittchen genommen und einem humanistisch agitierten Publikum vorgeführt – formal ähnelt die Aktion stark der "Kindertransporthilfe des Bundes", mit der das ZPS 2014 erstmals eine große Öffentlichkeit erreichte, als es eine Kampagne der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig erfand, nach dem Vorbild der Kindertransporte nach Großbritannien in den 1940er Jahren syrische Kinder nach Deutschland zu bringen und so vorm Kriegstod zu retten. Kinder und Tiere gehen ans Herz, das wissen die Boulevardmedien, das weiß auch das ZPS – jetzt in München geht es also wieder um Kinder, aber ernsthaft, denn sie sollen ja nicht nur gerettet werden, sondern selber mitmachen und sich vielleicht sogar opfern – was wiederum an die letzte ZPS-Aktion Flüchtlinge Fressen erinnert, als vor dem Berliner Maxim Gorki Theater Tigerkäfige aufgestellt und Menschenopfer angekündigt waren (die dann natürlich nicht vollzogen wurden).

Die Presse protestiert

Am Dienstagmorgen steht der rote Schulbus vor den Münchner Kammerspielen, die Gastgeber und Financiers der Aktion sind. Bei einer Pressekonferenz soll der erste Kandidat für den "Hans Scholl 2017" vorgestellt werden: Jannik, Student der Luft- und Raumfahrttechnik, 20 Jahre alt, mit einem sehr gesunden Bauch, roten Chucks, einem blauem Pulli, trotz der Hitze, und einem Flaumbart auf den Lippen. Er ist heute Morgen aus Stuttgart angereist; eine weitere junge Frau aus Halle befinde sich auf dem Weg nach München, verkündet Philipp Ruch.

Scholl2017 3 560 ZPS uPhilipp Ruch bei der Pressekonferenz vor den Münchner Kammerspielen © ZPS

Und jetzt bekommt er erstmal selbst zu spüren, dass er auf Exkursion ist, weit weg von Berlin. Ursprünglich wollte er die Pressekonferenz im Bus abhalten, aber da ist nicht genug Platz. Stattdessen steht die Medienöffentlichkeit also eine Weile lang auf der Straße zwischen Bus und Theater herum, auf Münchens teuerster Einkaufsstraße. Doch weil ständig reiche Araber mit ihren Zwölfzylindern vorbeifahren, meckern die Münchner Reporter, sie verstünden nichts. Einer will wissen, warum denn die "Arbeitsmaterialien" nur an Gymnasien verschickt wurden. Ruch antwortet, das müsse er die Staatsregierung fragen – woraufhin dieser fluchend abzieht. Er lasse sich doch hier nicht verarschen.

Da ist sie also, die bayerische "Grantigkeit", jene unübersetzbare Mischung aus Starrsinn und Jähzorn – die der angebliche Kultusminister im Vorwort der "Materialien" als urbayerische Tugend zum Widerstand preist. Eine weitere Kostprobe gibt es später, als die Konferenz schließlich doch noch ordentlich in den Räumen der Kammerspiele stattfindet. Der Theaterkritiker einer überregionalen Tageszeitung nennt Ruch ein "Granatenarschloch" – die Geschwister Scholl seien gestorben, weil sie Flugblätter verteilt haben. "Ihr animiert Kinder, dass sie das für euch machen."

Das Problem ist die Schönheit

Ganz unrecht hat er nicht, aber das ist ja Teil der Inszenierung. Denn die Aktion rückt das eigentlich Problematische am "Zentrum für politische Schönheit" in den Fokus, nämlich die Schönheit. Am Montagmittag steht Ruch – nachdem der Rektor ihm den Gefallen nicht tun wollte, die Polizei zu rufen und ihn vom Schulgelände schmeißen zu lassen – auf dem Pausenhof des Sophie-Scholl-Gymnasiums, vor ihm eine Traube junger Mädchen, die artig die Hände heben, er ruft sie eine nach der anderen auf. Ob das denn den Menschen in der Türkei überhaupt etwas bringt, fragt eine, wenn da jetzt jemand hinfährt, um gegen Erdoğan Flugblätter zu verteilen.

Vielleicht gar nicht mal so viel für diejenigen, die jetzt dort leben, sagt der selbst ernannte Nachhilfelehrer, sondern für künftige Generationen. In Bayern sei das ja genauso. Sogar der Seehofer sei heute noch stolz auf die Scholl-Geschwister, "das sind ganz wichtige Menschen." Von "subterranen Explosionen" ist im Verlauf der Aktion immer wieder die Rede, konkreter soll es darum gehen, "Zeichen zu setzen". Wir befinden uns also mitten in der Logik des Heroischen und damit im Bereich der Religion. Der Wert eines Opfers für die richtige Sache liegt hier nicht in etwas, das sich konkret analysieren ließe, sondern in einer ideellen Sphäre, von der herab eine transzendente Schönheit in die politische Tat einfließt. Wer es doch wagt, auf die Strukturalität bestimmter Probleme zu verweisen, gegen die alle Schönheit nichts ausrichtet, der gibt "der Angst in seiner Seele nach", wie es Ruch gegenüber dem Schulrektor formuliert.

Brauchen wir sie trotzdem?

Aber "Scholl 2017" reflektiert nicht nur diesen Anspruch, sondern auch seinen Realitätscheck: Das ZPS will junge Menschen, denen "die Realität nicht genügt" (bei welchem jungen Menschen täte sie das schon?), mit Ideen ausstatten, die die Realität überfordern, um sie auf einen Kreuzzug für die Demokratie zu schicken – als Anreiz gibt's ein IPad zu gewinnen. Es sieht fast so aus, als würde der Zynismus, den das ZPS mit seinen bisherigen Spektakeln der Mediengesellschaft unterstellt hat, nun auch als eigener Fehler anerkannt. Ist Schönheit lediglich das Spektakel des moralischen Geisteslebens? Aber da endet der Gedanke ja nicht, sondern bei der Frage: Brauchen wir sie nicht aber trotzdem?

Scholl2017 1 560 ZPS uProtestübungen vor der Ludwig-Maximilian-Universität © ZPS

Das ZPS ist diese Woche mit seinem Schulbus in München vor Ort, um diese Fragen zu diskutieren, oder vielmehr durchzuspielen. Der Bus steht vor den Kammerspielen und nimmt Registrierungen von Kandidaten entgegen. Am Donnerstagabend werden "Der Hans und die Sophie Scholl 2017" verkündet. Für Schulen, die sich dem staatsministerial verordneten Boykott der Aktion widersetzen, gibt es zwei Termine für einen "Ersatzunterricht". Vor der Ludwig-Maximilians-Universität, an deren Haupteingang steinerne Flugblätter in den Boden eingelassen sind, können die Studenten selbst welche schreiben. Ein "Opferhotspot" erinnert an diejenigen, die überall auf der Welt wegen ihres Protests gegen diktatorische Systeme Repression erfahren haben. Zwischen den Fotos, Stofftieren, Blumen und Infotexten hängt ein schwarzer Kranz. "Şehîd namirin", steht darauf: "Märtyrer sterben nicht."

Scholl 2017
Eine Aktion vom Zentrum für politische Schönheit

www.scholl2017.de
www.politicalbeauty.de
www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Wie immer bei den aktionskünstlerischen Interventionen des Zentrums ist die politische Botschaft sehr klar und berechtigt", sagt Stephanie Metzger im Deutschlandfunk Kultur-Fazit (26.6.2017). "Wie immer sind die inszenatorischen Mittel extrem ausgefeilt: perfekter Internetauftritt, faktenreiches Unterrichtsmaterial, ein Bus, in dem man sich registrieren lassen kann und sogenannter Ersatzunterricht im Theater, wenn die Geschichtslehrer nicht mit ziehen." Und wie immer gehe es auch diesmal darum, die Provokation der Kunst, nämlich Kinder und Jugendlichen dem Risiko diktatorischer Repression auszusetzen, an die Politiker – bei uns und in den Diktaturen – also an die Wirklichkeit zurückzuspielen. "Mit 'Scholl 2017' hat das Zentrum also wieder einen Prozess in Gang gesetzt, bei dem sich erst noch zeigen wird, wie konsequent und damit erfolgreich die Provokation tatsächlich angenommen wird. Und zwar auf beiden Seiten: auf der der Kunstaktivisten und der der Politik."

"Das ZPS veranstaltet seit 2009 politisch motivierte Kunstaktionen, ein bisschen wie Christoph Schlingensief ohne dessen Witz", teilt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (28.7.2017) aus. Zu der Pressekonferenz, bei der Tholl die Hutschnur platzte (siehe Nachtkritik), schreibt er: In den Kammerspielen habe Philipp Ruch herumlaviert, "besonders zur Frage, ob es im Sinne einer Kunstaktion vertretbar sei, jungen Menschen vorzugaukeln, sie würden mit einer Ministeriums-Aktion in eine Diktatur reisen. Mit dabei sitzt Yannick, einer der Probanden. Er gehe davon aus, der bayerische Staat werde ihn schützen, wenn er in der Türkei Flugblätter verteile. Ruch dazu: Das ZPS könne sich nicht vorstellen, dass jemand auf den Fake hereinfalle. "Warum dann das Ganze?" Tholls Fazit nach einem Besuch beim Infostand der Aktion vor der LMU, wo niemand sonst sich für die Aktion interessiert habe: "Als Aktion im öffentlichen Raum ist 'Scholl 2017' total gescheitert" – auch von den bayerischen Ministern sei "nichts zu hören".

"Stur wie die Panzer" findet Patrick Bahners in der FAZ (29.6.2017) das Kollektiv um Philipp Ruch: "Sie nehmen die Sache tierisch ernst. Und sich selbst erst recht." Keine Ironie kenne das ZPS, nur schneidige Entschiedenheit, zum Zwecke einer "Zerstörung der Repräsentation" – politisch wie theatral. Rekrutiert würden "Unmündige für einen moralischen Extremsport", schreibt Bahners, und so ende die Geschwister Scholl-Aktion "beim gesinnungsethischen Maximalismus, der sich dadurch beglaubigt, dass er für seine Konsequenzen keine Verantwortung übernehmen kann".

Presseschau zum Fortgang der Aktion

Markus Reuter auf netzpolitik.org (2.7.2017) beschreibt den überraschenden Fortgang der Aktion "Scholl 2017". Denn nicht etwa Schüler*innen verteilten schließlich Flugblätter in einer Diktatur ihrer Wahl, sondern: eine "geschickte technische Installation im Fenster eines Hotels" direkt am Istanbuler Gezi-Park. "Dort hatten die Aktionskünstler einen über einen Cloud-Dienst ferngesteuerten Drucker angebracht, der "über Minuten" hinweg Flugblätter" druckte, die aus dem offenen Fenster auf die Straße flatterten, "bis Personen in das Zimmer eindrangen und den Drucker ausschalteten". Auf den Flugblättern wurde zum Widerstand gegen den autokratischen türkischen Präsidenten Erdoğan aufgerufen. Es endete mit dem Aufruf "Tod dem Diktator!" Zusätzlich sei auf dem Flugblatt vermerkt gewesen, es sei vom Freistaat Bayern und der Bundesregierung finanziert worden. Zwei Kameras filmten die Aktion. Eine war oberhalb des Drucker platziert und blickte auf die Straße, die andere auf den Drucker selbst." Der Drucker sei erst in Gang gesetzt worden, nachdem die Person, die die Geräte installiert hatte, wieder aus der Türkei ausgereist sei. Inzwischen suche die türkische Polizei nach einem in den Medien namentlich genannten Verdächtigen.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.7.2017) glossiert Kolja Reichert die Aktion. Das "Material" des Zentrums für politische Schönheit habe bislang " in erster Linie in medialer Aufmerksamkeit" bestanden "und in zweiter im Gewissen der staatsbürgerlichen Öffentlichkeit". Bei den "1000 Flugblättern" am Gezi-Park sein nun allerdings "künstlerische Ambivalenz verloren" gegangen. "So was kann jeder machen." Die "Inhaftungnahme bayerischer Schüler" stehe "komplett unverbunden" neben der Verteilaktion, auch werde "die Botschaft ans heimische Publikum" wohl wenig zu "bürgerlichen Freiheiten in der Türkei" beitragen. Damit gerinne das "Berufen auf den klandestinen Widerstand der Scholls" zur "bequemen Propaganda aus sicherem Abstand" heraus.

Anders Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung (3.7.2017), der die Aktion einen "Akt politischer Schönheit" nennt. Offenbar sei die Münchner Rekrutierung von Schüler*innen zum Flugblattschreiben "nur der performative Auftakt für handfeste Taten" gewesen. Das müsse man erst einmal schaffen: "hunderte regimekritischer Flugblätter mitten in Istanbul"  verteilen, ohne sich erwischen lassen. Das Flugblatt verfasst hätten Deutschtürken im Alter von 20 bis 24 Jahren im Rahmen von "Scholl 2017", sage das ZPS.

Gegenüber der Website der Schweizer 20 Minuten sagte Philipp Ruch, Kopf des Zentrums für politische Schönheit: Das Projekt "Scholl 2017" laufe an den Münchner Kammerspielen. "Es dürfte schwer werden für die bayerische Staatsregierung, den Diktatoren (...) einerseits zu erklären, dass die Münchner Kammerspiele (...) nichts mit dem Freistaat zu tun haben, und auf der anderen Seite, dass man das Projekt mitsamt Staatswappen seit über einer Woche stillschweigend duldet."  So gesehen habe das Zentrum eine "grossartige Rückmeldung" von der bayerischen Staatsregierung erhalten. "Man kann von begeisterter Anerkennung sprechen. Statt die Polizei vorzuschicken oder Websites zuzusperren, hat man uns machen lassen."

 

Kommentare  
#1 Scholl 2017, München: billigchris 2017-06-28 11:54
Es ist so billig, sich auf unmündige Schüler zu stürzen und nicht mit mündigen Studenten zu arbeiten. Was ist denn bitte schön kritisch an diesem reinen Medienkalkül und was bewirkt diese Aktion tatsächlich außer Aufmerksamkeit für die Selbstpromotion der Gruppe?
#2 Scholl 2017: epigonalGeorg Franzen 2017-06-28 12:08
Die Aktion liegt offenbar gerade auf der Schwelle zwischen Provokation einer gleichgültigen Mehrheit und Betroffenheitspersiflage, also Verulkung von Protestformen. Darum gehört sie meiner Meinung nach einer anderen Epoche an. (Die Jahre zwischen 1995 und 2010 empfinde ich in den Künsten durch Spielformen der Ironie geprägt.)
Schlingensief habe ich das Verzweifeln an gesellschaftlichen Widerständen abgenommen, es hat mich sogar gerührt, wenn die Anlässe dazu manchmal unerheblich schienen, Philipp Ruch wirkt epigonal auf mich, auch mit Farbe im Gesicht.
#3 Scholl 2017: perfide, geschmacklosJana 2017-06-28 23:32
Unfassbar und sehr perfide. Die Kinder auf diese Weise für s.g. künstlerische Zwecke auszunutzen! Den Schuldirektor zu hintergehen und ihn auch noch beschimpfen? Die Kinder aufzufordern "Mut" zu beweisen, aber selbst ihn nicht aufzubringen um offen und fair zu spielen? Manche dieser Kinder, die am Montag da waren, sind die erste Generation, die in Demokratie aufwächst, weil ihre Eltern aus deren Heimatländern geflüchtet sind. Muss man gerade ihnen ein schlechtes Gewissen einjagen, weil es ihnen "gut geht"? Übernehmen die Organisatoren die Verantwortung, wenn nur eins der Kinder tatsächlich in Urlaub beim Verteilen der Flugblätter erwischt wird? Auf einem Gymnasium sind viele Kinder viel jünger als die erwähnten mind. 14- jährige, die mitmachen "könnten"! Und die sg. Künstler wollen behaupten, dass die Kinder so "schlau" sind um Fake zu erkennen? Auch für die 14-jährigen und einige Erwachsene ist es eine Herausforderung. Für mich ist die Grenze der Geschmacklosigkeit überschritten. Eine Botschaft an die Organisatoren: Diskutieren Sie, machen Sie auf die Thematik aufmerksam, aber lassen Sie die Kinder aus dem Spiel und benehmen Sie sich verantwortungsvoll und wie erwachsene Menschen, beschimpfen Sie nicht einen Schuldirektor, wenn er Sie entlarvt und die Kinder schützen will durch Ihren Verweis. Er hat im Gegensatz zu Ihnen die Kenntnis darüber, was man den Kindern zutrauen kann.
#4 Scholl 2017: erbärmlichkannsnichtsehen 2017-06-29 08:42
Das ist, mit Verlaub, erbärmlich. chris hat es präzise gesagt: Nichts als Selbstpromotion und Medienkalkül, das auf Nachtkritik besonders gut aufgegangen zu sein scheint: "...das eigentlich problematische, die Schönheit...". Muss man diese gefährlich narzisstische Holzhammer-Performance auch noch mit klugen Formulierungen anflirten? "Zynismus als eigenen Fehler anerkannt?" Ich kann beim besten willen nicht verstehen, worauf sich diese hochfliegende Beschreibungen beziehen.
#5 Scholl 2017: Was würden die Scholls sagen?motherii 2017-06-29 10:01
Kinder erkennen ja auch nicht den fake an der überaus "gesunden" Milchschnitte - Insofern ist das ZPS nicht mehr und nicht weniger geschmacklos in diesem Fall als z.B. der Konzern, der die bewirbt.
Wäre vor allem interessant zu hören, was die Geschwister Scholl dazu sagen würden, dass hier ihre einstige Zivilcourage, die sie mit ihrem grausam durch Dritte früh beendeten Leben bezahlten, vom ZPS missbraucht wird... Ich warte jetzt sehnsüchtig auf die 15jährigen, die das ZPS selbst dafür am A... kriegen, dass es sogar noch seinen vermeintlich selbst erkannten Kunstkunst-Zynismus so vermarktet, dass Ruch und seine Mitstreiter*innen offenbar davon leben können-
#6 Scholl 2017: Heiligt der Zweck die Mittel?dabeigewesen 2017-06-29 10:04
Natürlich nervt das ZfpS. Insofern ist da erstmal der Impuls zu sagen: schon wieder so eine bescheuerte Aktion, was ham'se den jetzt wieder gemacht? Na gut: whatever...
Aber je mehr ich drüber nachdenke, umso ärgere ich mich über meine eigene, zynische Haltung. Weil im Grunde ist das, was sie da treiben, zutiefst unanständig und gefährlich. Das Handlungsprinzip ist: der Zweck heiligt die Mittel. Und selbst wenn dieser Zweck wäre, auf Mißstände, Menschenrechtsverletzungen, Flüchtlingssterben, was auch immer, hinzuweisen - und nicht mit Mitteln der Selbstbeweihräucherung weitere Gelder aus der Kulturförderung oder die Spenden gutgläubiger Idioten anzuwerben - ist dieses Handlungsprinzip falsch, ist es das Prinzip aller idealistischen Radikalen (und hier darf man dann sein Lieblingsfeindbild "-ismus" einsetzen, passt immer).
Die Kunst darf, klar (wenn es sich überhaupt um Kunst handelt, aber geschenkt). Aber ich darf auch sagen: es ist schlimm, was das ZfpS macht, möglicherweise sogar böse.
#7 Scholl 2017: Lesebus und Kant-AssoziationenInga 2017-06-29 11:43
Komisch, ich hatte bei diesem Bus als Erstes die Assoziation an diese "Lesebusse", an diese fahrenden Bibliotheken. Und aus Büchern, gerade aus Büchern, die sie sich selbst aneignen, können Schüler ja das Wesentliche (über Geschichte, Politik und Demokratie) lernen. Und mit 14 ist man meines Erachtens auch schon fähig, sich eigenständig und aus freier Wahl heraus Bücher aus der Bibliothek auszuleihen.

Was macht das ZPS bzw. Philipp Ruch? Er registriert Schüler? Mhmh, also, ein bisschen schwierig ist das ja schon, denn Bereitschaftshumanisten brauchen ja nun keinen "Führer", oder? Ereignet sich Mut nicht allein aus der eigenen Unterdrückungserfahrung heraus?

Als ich dann weiter assoziierte, dachte ich: Na gut, immerhin besser als die Rekrutierung von Schülern durch die Bundeswehr an Schulen. Einsatzgebiet: Die Diktaturen der Welt. Frieden schaffen mit Waffen. Die Bundeswehr hat die Technik. Oder so. Oh je. Dann schon lieber radikale Bereitschaftshumanisten.

Diese Kinder verbinden wenigstens ihr Reden mit ihrem Tun, anders als so manch ein Bildungsplaner "von oben" bzw. ein Staatschef. Da werden dann so Reden geschwungen wie "das (Hitler-Deutschland) darf niemals mehr passieren" oder "aus der Vergangenheit lernen", aber was tun diese Gesetzgeber dann? Was führen sie aus? Sie werfen Bomben, sie lassen auf Menschen schießen, sie führen Krieg, um die Menschheit zu befreien? Ja ja, mein Gewissen sagt mir irgendwie, dass man Menschlichkeit dann eben vielleicht doch nur mit Menschlichkeit erreichen kann. Flugblätter schreiben ist doch schonmal eine super Idee!

Dass diese Aktion als Protestreise gescheitert ist, ist doch eigentlich ein gutes Zeichen. Schüler durchschauen eben doch ganz schnell, dass eine Klassenfahrt in eine Diktatur im Grunde Quatsch ist. Und das sind wohl vor allem die Schüler, die wirklich frei in ihrer Entscheidung sind und erstmal nur sich selbst vertrauen. Bevor sie sich jemandem anschließen. Und sei es einer mit den besten Absichten. Aber auch die besten Absichten berücksichtigen nicht, dass jede/r immer nur aus der eigenen Erfahrung in einem ganz bestimmten, lokalen Zusammenhang heraus lernt. Nicht aber aus der Belehrung durch andere. Was interessiert denn die Schüer aus München gerade wirklich brennend? Was sind ihre persönlichen Themen? In Bezug auf ihre eigene, aktuelle Lebenserfahrung? Ich würde stark vermuten, nicht unbedingt Hans und Sophie Scholl. Dazu müsste es schon einen ganz konkreten, situativen Anlass geben. Wie damals, bei Hans und Sophie Scholl. Oder?

Nach Kant ist das schwerste Problem der Menschheit, wie der Mensch sich "ein Oberhaupt der öffentlichen Gerechtigkeit verschaffen könne, das selbst gerecht sei". Und ausserdem schreibt er: "Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein g u t e r W i l l e." Daran kann und muss sich am Ende jeder Mensch, auch ein Politiker, messen lassen. Welche Worte und Taten einen guten Willen erkennen lassen. Und welche nicht.
#8 Scholl 2017: Kulturpolitik und Propagandamotherii 2017-06-29 11:47
dabeigewesen bei Ihrer Frage. Ich würde sagen: Nein. Der Zweck bestimmt über ein Spektrum von einsetzbaren Mitteln. Aber er heiligt sie nicht. Über ihren Einsatz wird trotzdem mehr oder weniger bewusst enschieden. Sich hinterher, weil man eventuell denkt, doch nicht die richtigen Mittel in einer Sache verwendet zu haben, um eine Post-Heiligung zu bemühen, ist sinnlos. Und auch feige. Wenn man wirklich einen Zweck verfolgt hat, sollte man auch zu seinen gewählten, möglicherweise "falsch" gewählten Mitteln stehen. Und vielleicht stellt man dann auch fest, dass man gar keinen wirklichen Zweck verfolgt hat, sondern sich hat einfach gehen lassen, in einem irgendwie fremdbestimmten Augenblick, in dem man auf irgendetwas vertraut hat, das außerhalb von eigener, gesicherter Erfahrung liegt... Vielleicht ist sich das ZPS immer nur seines Zwecks zu sicher, das finde ich persönlich einfach nur unsympathisch. Und auch unkünstlerisch. Weil eines der wichtigsten Merkmale der Kunst mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eben Zweckfreiheit ist. Kulturpolitik hat die Aufgabe den Rahmen zu sichern, in dem Zweckfreiheit überleben kann. In dem humanes Gedächtnis überleben kann. Das ist ihr einziger Zweck. Sie hat aber nicht die Aufgabe, den Rahmen erst nach Zweck-Erklärungen durch Künstler zu sichern. Das ist dann keine Kulturpolitik, sondern Propaganda. Und ein Kunst-Betrieb, der Zweck-Erklärungen für einzelne Kunst-Vorhaben abgibt, um Geld zu erhalten ist kein Kunst-Betrieb, sondern eine willige Propaganda-Maschine.
Da werde ich meine Kinder davor durch Aufklärung schützen vor so einer Kunst-Kunst.
#9 Scholl 2017: nicht mehr blicken lassen marie 2017-06-29 13:20
#4 + all

ich staune auch immer mehr über die "flirts" von nachkritik.de - bin jedoch besonders hier bei den kommentaren sehr froh, das diese von allen als mindestens billig (erbärmlich und perfide) wahrgenommen werden.


" ...habe Philipp Ruch herumlaviert, "besonders zur Frage, ob es im Sinne einer Kunstaktion vertretbar sei, jungen Menschen vorzugaukeln, sie würden mit einer Ministeriums-Aktion in eine Diktatur reisen. Mit dabei sitzt Yannick, einer der Probanden. Er gehe davon aus, der bayerische Staat werde ihn schützen, wenn er in der Türkei Flugblätter verteile. Ruch dazu: Das ZPS könne sich nicht vorstellen, dass jemand auf den Fake hereinfalle."

zynisch wäre ja zu interpretieren, dass angebliche "politische schönheit" eine total verlogene fratze hat und jeder (selbst minderjährig), der sich darauf einläßt ein totaler und unvorstellbarer idiot ist ...

in berlin hat sich das schon rumgesprochen, da werden sie sich kaum noch blicken lassen ... außer am maxim-gorki-theater mit eingesperrten tigern ... und was mir das über die münchener kammerspiele sagen kann ?

ps. als das zps mit "die toten kommen" die wiese vor dem reichstag umbuddeln ließen von ihren fans - sahen sie auch noch zu, wie diese von der polizei gejagt wurden, denn sie hatten 16 uhr die "veranstaltung" beendet und ließen den platz von der polizei räumen ... sie rufen geister - in welchem namen auch immer ...
#10 Scholl 2017: nicht mehr möglich nach Otto WarmbierClausius 2017-06-29 14:55
Ich weiß nicht, ob mir die Aktion vor einem halben Jahr genauso geschmacklos vorgekommen wäre. Nach Otto Warmbier ist der Spaß vorbei.
#11 Scholl 2017: Politische BildungUlrich Heinse 2017-06-29 15:17
Das Problematische ist lediglich, dass das Projekt nicht von der Bundeszentrale für politische Bildung finanziert wird sondern aus Mitteln, die eigentlich der Kunst zugedacht waren.
#12 Scholl 2017, München: Erklärungszeltemotherii 2017-06-29 18:49
#11: Sind Sie sich da völlig sicher?

Ich finde, die sollten sich langsam auf ihre deutlichst sichtbaren Kernkompetenzen berufen: Egal, was sie thematisch gerade tun: Immer die gleichen Erklärungszelte aufbauen und prinzipiell auf Leute warten, denen sie ihre Wichtigkeit als Kunst und so erklären können - wenn man von weiter weg schaut, sieht es eigentlich immer nur aus wie Wahlwerbeteam unterwegs "zu unseren Menschen", die auf jeden "da abgeholt werden" wollen wo sie sind...
#13 Scholl 2017, München: gemeinsauer 2017-06-30 10:43
Das ist wirklich gemein, wie das ZPS hier gedisst wird. Die sind nämlich echt klug, der Philipp ist nämlich Philosoph und wir nicht.
Und wenn wir zu dumm für die Aktionen sind, dann müssen wir eben noch mehr lernen.
Wir gehen immer nur ins Theater und sind ganz kalt, das hat der Philipp uns jetzt schon ganz oft gesagt, aber wir lernens nicht.
Aber das ZPS macht echt voll gute und kluge Aktionen, die sind richtig nachhaltig und tun was. Zum Beispiel begraben sie immer noch ertrunkene Flüchtlinge.
Das haben sie ja letztes Jahr versprochen. Und so. Und die Rüstungsexporte haben sie auch ganz alleine gestoppt. Das hat keine/r von den ach so tollen RegisseurInnen geschafft, aber der Philipp.
Hoffentlich machen sie bald wieder eine gute Theateraktion in Berlin.
Das ist nämlich wirklich gutes Theater, und da ist es richtig, dass sie ganz viel Geld kriegen!
Und die Journalisten finden das auch gut, die tun bloß so, als ob sie es nicht gut finden.
#14 Scholl 2017, München: ob's was bringtInga 2017-06-30 13:17
Ich frag mich auch gerade, ob das Flugblätter-Verteilen was bringt. Denn das können doch die Menschen vor Ort in der Türkei usw. auch selbst. Warum müssen da jetzt unbedingt "deutsche Schüler" hinfahren und den Menschen dort was in Sachen Demokratie beibringen? Um sich von der Erbsünde der "deutschen Schuld" zu befreien? Wer's glaubt. Die Diktatur sind immer nur die anderen? Nee, ist klar.
#15 Scholl 2017: im eigenen Landmarie 2017-07-01 12:35
#13

ich hatte hier schon einen satirisch-ironischen kommentar - durch sie inspiriert - geschrieben ... er wurde nicht veröffentlich, naja, nachtkritik.de ist ja auch kein satire-portal. doch um dieses konkrete ereignis für mich abzuschließen, möchte auf einen artikel verweisen, dem ich mich voll anschließen kann:

sueddeutsche.de/.../...

und wenn manche nicht verstehen, dass das, was sich "kunst" oder "theater" ... oder wie auch immer nennt (in der heutigen zeit ganz besonders und immer mehr noch in der zukunft) etwas ganzganz anderes sein kann, dann bleibt es natürlich ihm selbst überlassen, wie er damit umgeht - immerhin hat nachtkritik.de dies auf seine weise mit der abschlußfrage "BRAUCHEN wir das" getan ... so als wenn es nicht vorhanden wäre - doch die verlogene flugblattaktion ist ja da ... und schmückt sich als "kunstprojekt" in verbindung mit einen münchener theater. da fange ich jedoch an, darüber nachzudenken, für was die freiheit der kunst so alles mißbrauchbar ist und wie sich das entwickeln kann - und ob wir diese entwicklung wollen - erkennen können und uns WIE öffentlich dazu positionieren ... es ist nicht einfach und liegt nicht klar auf der hand - auch mich hat diese provokative art von straßentheater des zps am anfang interessiert - jdoch bei der frage aller fragen nach dem motiv "wem nützt das?" ist mir echt übel geworden und ich habe mich hinterfragt, warum es mir nicht schneller klar war, denn es ist vor allem raffiniert, dreist und unvorstellbar in seinen mittel, die letzendlich nur täuschung und lügen sind ... das wäre ja noch ganz lustig - wie ein aprilscherz, wenn ihre themen und inhalte nicht ans eingemachte gehen würden und sie schrecken nicht davor zurück, die geschwister scholl, tote migranten und verwaiste kinder dazu zu mißbrauchen - alles hochemotionale themen, die in die tiefe gehen und hier in diesem fall minderjährige und senioren mit rollator (die sich in solidarität des erinnerns an die scholls des nacht angekettet haben) ... und später vielleicht die gleiche übelkeit wie ich erleben werden: es ging nur geld und pr und den mißbrauch von glaube und vertrauen = ein grandioser beitrag für die verstärkung von mißtrauen in der gesellschaft und der lächerlichmachung, wenn man vertrauen und engament versuchen will - die sehnsucht nach mutigen menschen, die für aufklärung und gerechtigkeit stehen = alles nur lüge und spaß und nun kommen die "deutschen künstler" die feindbilder emotionalisieren und gar nicht verstehn lassen wollen, dass die geschwister scholl sich um die probleme im eigenen land gekümmert haben ... sondern suggerieren ganz subtil "die russen und die polen sollen SICH um die probleme im eigenen land kümmern - und um hitler+seine wähler+ unterstützer brauchen sie das nicht zu tun

möge sich doch jeder um den dreck anderer kümmern, weil die menschen dort wohl selbst zu blöd sind, sich um sich selbst zu kümmern ... die "deutschen" kümmern sich um alles = ekelhaft und gefährlich wenn scharlatane diese suggestive macht haben ... wie dieses beispiel zeigt
#16 Scholl 2017, München: gelungene VerunsicherungRudolf Winzen 2017-07-02 18:28
Vermutlich gehört niemand von den Kommentatoren hier zur Zielgruppe. Ganz sicher jedenfalls gehören die Journalisten, die sich wortreich und teilweise sogar mit Kraftausdrücken echauffieren, nicht dazu. Es würde mich aber mal interessieren, wie die angesprochenen Schüler reagiert haben auf das ganze Spektakel. Dass die den Fake nicht schnell durchschaut haben, kann ich mir kaum vorstellen. Andererseits haben sie vielleicht die Botschaft verstanden und finden sie sogar gut? Gibt es darauf seriöse Antworten statt der hier massenhaft geäußerten Unterstellungen? Empörung zu äußern ist wohlfeil. Wahrscheinlich ist sie hier aus großer Verunsicherung entstanden. Und das ist dem ZFP wirklich gut gelungen: den Durchschnitts-Wohlstands-Spießer, zu denen auch die meisten Journalisten gehören, zu verunsichern. Bloß will der es nicht zugeben, sondern schimpft.
#17 Scholl 2017, München: FragenInga 2017-07-02 18:35
Ist das Satire oder ernst gemeint, wenn ganz unten drunter steht: "Dieses Flugblatt wurde finanziert aus Mitteln des Freistaates Bayern und der deutschen Bundesregierung". Ist klar. Doppelmoral der deutschen Regierung. Und ich dachte mal, Hans und Sophie Scholl waren autonom, im Sinne von politisch unabhängig. Aber die Spektakelgesellschaft schafft es heutzutage anscheinend immer wieder, jeden Akt des Widerstands in ein mediales Event zu verwandeln, womit dieser Akt des Widerstands vollkommen entkräftet wird. Das ist dann wohl Kulturkapitalismus nach Robert Misik. War das Absicht des ZPS?

@ marie: Was genau meinen Sie mit folgendem Satz?: "sondern suggerieren ganz subtil 'die russen und die polen sollen SICH um die probleme im eigenen land kümmern - und um hitler+seine wähler+ unterstützer brauchen sie das nicht zu tun".
#18 Scholl 2017: Türkische Polizei ermitteltmarie 2017-07-02 22:26
"Wie türkische Medien berichten, hat die Polizei eine groß angelegte Untersuchung des Falles gestartet und fahndet nach einer Person, die von den türkischen Medien auch namentlich genannt wird."

netzpolitik.org/.../...

die münchener abendzeitung schreibt dazu:
„"Jetzt denken Sie mal daran, wenn es den Horst wieder etwas zu sehr in diese Diktaturen zieht! Siehe Putin-Besuch"“, teilt uns Ruch dazu mit. Da ist er wieder, der belehrende Tonfall. Als ob es in Bayern keine Kritik an Seehofers Reisen gäbe. Man kann die Aktion gewiss geschmacklos und angesichts des Falls Yücel schädlich bis dämlich finden. Den wie mit einer Monstranz herumgetragenen Anspruch, es mit den Geschwistern Scholl gleichzutun, ebenfalls."

(Hier der Link zum Text: www.abendzeitung-muenchen.de/. ../
Viele Grüße
miwo/Redaktion)

#16
gut erkannt! die zielgruppe SIND die medien - die kinder nur mittel zum zweck. wenn deren meinung gefragt ist, so muß man wohl selbst nach münchen fahren und dies tun.

#17
das zps versucht ja einen historischen fakt für die gegenwart zu aktualisieren (und angeblich kindern dabei etwas zu LEHREN) ... würde man jedoch die tatsächlichen umstände (flugblattwarnung "wer hitler wählt, wählt den krieg" vor studenten zu verteilen), dann wäre die konsequenz, eine flugblattaktion "wer merkel wählt, wählt armut und ungerechtigkeit für menschen und freie geldflüsse für für waffen und banker" starten.

wie die veranstaltung jedenfalls "choreografiert" ist, ist es einmischung in fremde angelegenheiten. ich möchte hier auch keine flugblätter aus der türkei - oder welchem land auch immer lesen, in dem sie mir ihre volkshelden (auch noch völlig falsch interpretiert= wieviele Flugblätter der Weißen Rose auf die sich die Aktion wohl beziehen soll, enden mit ‚Tod dem Diktator‘???) zur empfehlung für MEIN handeln zuschicken. von den außenpolitischen verstrickungen dieser dimension mal ganz abgesehen ...

ein kommentar auf facebook lautet so:
Re Ne "Eine der dämlichsten Aktionen, von Leuten die keinen Deut von der politischen Lage in der Türkei verstehen. Mit dieser Aktion bedient ihr genau die Kanäle der türkischen Kräfte, die für einen immer autoritäreren und nationalistischeren Weg stehen.

Ihr bedient das Narrativ der türkischen Rechten, die ständig von "inneren" und "äußeren" Feinden schwadronieren, und somit ihre repressive Politik rechtfertigen.

Ein Bärendienst, den ihr all denjenigen erweist, die in der Türkei für Demokratie und Pressefreiheit (auch in der internationalen Zusammenarbeit) aktiv aggieren, und deren Arbeit ihr mit solchen Aktionen erschwert.

Für eure Selbstdarstellerei bekommt ihr wenigstens von paar Michels Applaus"
#19 Scholl 2017, München: EinspruchRudolf Winzen 2017-07-03 12:59
#18: Einspruch! Die Jugendlichen *und* die Medien sind die Zielgruppen. Die Medienleute hätten mal bei den "Kindern" (das Wort wird hier verwendet, als ob die Jugendlichen nicht in der Lage wären, selber zu denken!) nachfragen sollen, was sie davon halten. Anscheinend ist das kaum geschehen (ich habe natürlich nicht alle Medien im Blick, aber das ist mein Eindruck). Das wäre ein wirklich *journalistischer* Umgang mit der Aktion. Dafür braucht niemand "selbst nach München zu fahren", das wäre ureigenste Aufgabe der Münchener Journalisten gewesen. Auch geht kaum jemand inhaltlich auf die umfangreichen Arbeitsmaterialien ein, die das ZPS verteilt hat. Es ist zum Verzweifeln mit unserem "Qualitätsjournalismus"!
#20 Scholl 2017, München: traurigInga 2017-07-03 14:39
@ marie: Ich würde auch sagen, dass die Medien das Problem sind. Aber Einmischung in fremde Angelegenheiten? Nein. Denn das ZPS steht ja nun nicht für die deutsche Regierung, sondern handelt autonom. Anders, als die deutsche Regierung. Die handelt nach ihren eigenen, wirtschaftlichen Interessen. Alles andere wird instrumentalisiert, geht hin und her. Mal wird Erdogan kritisiert (Gabriel im Fall Yüzel), mal wird mit ihm ein Vertrag geschlossen, um das sogenannte "Flüchtlingsproblem" an der "EU-Aussengrenze" zu lösen (Merkel), mal bekommt er ein Redeverbot der deutschen Regierung auf Gipfeltreffen (G20). Aber ist das alles wirklich "Politik von unten"? Und die Medien rühren kräftig mit bei der Feindbildpräsentation. Der Tenor ist: Es ist traurig, was da in anderen Ländern mit der Opposition geschieht. Aber bei uns ist alles okay. In der EU und überhaupt in ganz Deutschland. Gut.

(...)
#21 Scholl 2017, München: Mordaufruf?dabeigewesen 2017-07-03 15:19
Lese ich das richtig, daß das Ganze jetzt in einem Mordaufruf gipfelt? Ist das nachweislich von den Verantwortlichen des ZfpS initiiert? Tja, dann sind wir im Strafrecht, da hört der Spaß, der ja eh' nicht witzig war, auf.
#22 Scholl 2017, München: Endabsicht der NaturInga 2017-07-03 21:07
@ dabeigewesen: Warum sind wir da schon im Strafrecht? Bzw. ab wann gilt eigentlich das Strafrecht? Sind Politiker da mehr geschützt als andere Menschen? Wird da eher zum "Strafrecht" gegriffen als bei "Beleidigungen" zwischen anderen Menschen? Ich zitier hier mal kurz aus dem "Klassiker des politischen Denkens" (Maier/Denzer) zu Kant: "In der Naturanlage der Zwietracht stecke eine Endabsicht der Natur, in der die Vernunft des guten Willens schließlich dominieren werde." Und das gilt (bei Kant) natürlich in Bezug auf alle Menschen gleichermaßen, Politiker und andere "große Namen" eingeschlossen. Es geht also vor allem um Verfassungsfragen, um Demokratie, die wirklich von unten kommt. Und nicht Exekutive und Judikative zu sehr kurzschließt, wie zum Beispiel auch bei Erdogan.

Waren "wir" da bei Schlingensief auch schon im Strafrecht? Es ist hier doch erstmal nur bedrucktes Papier. Klar, das ist vielleicht nicht schön. Aber es ist offenbar Wut, die aus der Trauer geboren ist. Wut gegen Erdogan kann genauso berechtigt sein wie Wut gegen Menschen, die (mit guter oder böser Absicht, das wäre hier wie in jedem anderen Fall zu klären) die körperlichen Grenzen anderer überschreiten. Und Kunst ist immer geschützt, sonst müsste man ja (von Seiten der CDU/CSU zumindest) auch Thomas Brasch schon verhaften, wegen seines "Vaterunsers":

"Herr Cäsar Meier Neumann Derundder
der du hockst im Wohnzimmer Schlafzimmer Dienstzimmer
und Capitol und Führerhauptquartier und Daundda
durchgestrichen sei dein Name
dein Reich verschwinde
dein Wille geschehe weder im Himmel noch in Deutschland
noch in
Rußland noch in Amerika noch im Bett noch Daundda.
Unser täglich Brot fressen wir selber
und vergeben dir keine Schuld
wie auch du nicht vergibst deinem Volk, deiner Frau, deinem Kind.
Und führe uns nicht nach Sibirien, nach Sing Sing, auf die Galeere,
noch in dein Bett
sondern erlöse uns von dir, du Übel.
Denn dein sei der Strick und der Fußtritt und der Dreckshaufen.
Im ewigen Feuer brate auf immer.
In Ewigkeit. Nieder."

Das ist natürlich schöner gedichtet, aber gerade in dieser Form empfinde ich es sogar als "härter/kälter" als dieses "Tod dem Diktator"-Flugblatt.
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