Körpereinsatz harter schlesischer Kunstsprache

von Martin Pesl

Salzburg, 29. Juli 2017. Ein Raum wie ein ausgebranntes Kirchenschiff, eng und luftig zugleich: Überall finden sich Kreuze auf Volker Hintermeiers Bühne, in allen Formen und Dimensionen, das größte erstreckt sich auf dem Boden. Herunterhängende Mikrofone laden zum Rezitieren von Bibeltexten ein. Von der Seite durch das Gerippe hindurchleuchtend wird Hartmut Litzinger Stimmungen von erdrückender Schönheit ins Tragödienschwarz zaubern. Erst steht da noch: "Future is a fucking nightmare", in Frakturschrift, die eher Vergangenheit als Zukunft beschwört.

Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd" aus dem Jahr 1903 birgt viel gegenwärtig Gestriges in sich, wenn man sich daran erinnert, dass etwa im Vorjahr die polnische Regierung, fest verwurzelt im Katholizismus, ein Abtreibungsverbot erwog. Fortschrittlich dagegen Bettina Hering, die neue Schauspielchefin der Salzburger Festspiele: Sie setzt dieses Jahr auf Regisseurinnen. Auf der Pernerinsel in Hallein inszeniert zunächst Karin Henkel, die schon zweimal mit naturalistischen Dramen von Hauptmann und Ibsen zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, jeweils mit einer glänzenden Lina Beckmann.

Mit bloßen Händen das Kind erwürgt

Hier spielt Beckmann nun also die spätere Kindsmörderin Rose. "Jetzt sag halt was", möchte man ihr immer wieder zuzischen, denn sie sieht nicht sehr schwanger aus. Doch so oft sie auch betont, ihr sei "passiert a Unglicke", oder bei der Anmeldung zur Eheschließung in einen Eimer kotzt – die Männer, vom Vater bis zum Erpresser, kriegen nichts mit. "Ich bin stark", sagt Rose dann.

 RoseBernd2 560 Monika Rittershaus uInmitten eines patriarchalen Systems aus Geschäft, Gericht, Gott und Ex-Geliebten: Lina Beckmann
als Rose Bernd © Monika Rittershaus

Dass sie zur Tötung ihres Neugeborenen fähig sein wird, zeigt schon die resolute Art, wie Lina Beckmann anfangs Geflügel rupft (lebende Exemplare davon sorgen in Käfigen am Rand für stete Unruhe). Wenn diese Rose ein Opfer ist, dann eines des "gottgegebenen" patriarchalen Systems aus Gericht, Geschäft und Kirche, das die Männer blind verteidigen. Illustriert wird es von einem 14-köpfigen Männerchor, der kleinere Rollen übernimmt, manchmal einfach ungut im Weg steht und in der Pause in Frauenkleidchen zitieren darf, was das Alte Testament über Frauen zu sagen hat.

Geschlechtsspezifische Gefühls-Systeme

"Ihr Weiber macht uns zu Hunden", jammert Markus John einmal als Roses Ex-Geliebter Flamm, der sie geschwängert hat. Eigentlich gutmütig, verspielt er achtlos alle Sympathien, sobald er sich bei seiner Frau für die Affäre mit den Worten entschuldigt: "Da nimm mir nur alles nich übel." Julia Wieninger stattet die Invalide mit großartig kühler Empathie aus. Sie kann nicht gehen, wohl aber stehen. Wo ihr Mann sie abstellt, dort ist sie verdammt zu bleiben. Es sind grausame Momente, wenn Wieninger in Thrombosestrümpfen verloren an der Rampe steht und als Einzige Durchblick und Menschlichkeit bewahrt, indem sie verspricht, sich trotz allem um Rose und das Kind zu kümmern.

RoseBernd1 560 Monika Rittershaus uAuf Frakturschrift wandelnd in "Rose Bernd" © Monika Rittershaus

Nicht nur ihre Figur erzählt sich stark über körperliche Versehrtheit: So leidet Roses Dauerverlobter August an Spasmen, was Maik Solbach einiges abverlangt. Den größten Körpereinsatz aber leisten alle Beteiligten auf dem Wege der Sprache: Hauptmann hat das Stück in diversen Abstufungen zwischen Hochdeutsch und Schlesisch geschrieben, und der Dialekt als Kunstsprache kommt der Regie sehr gelegen. Er zwingt die Sprechenden, sich jedes einzelne Wort von den Lippen abzuringen. Nach einer Eingewöhnungsphase ist es ein schierer Genuss zu sehen, was der Text etwa mit dem Tiroler Gregor Bloéb macht. Während sein Bruder Tobias Moretti drüben am Salzburger Domplatz den Jedermann gibt, übt sich Bloéb hier als eifersüchtiger Spanner Streckmann in brodelnder Zurückhaltung – bis die Aggression sich am armen August entlädt.

Dream-Team

Und dann natürlich: die alterslose Lina Beckmann. Wie diese Schauspielerin, die im Basiszustand schon wirkt, als wäre sie ziemlich durch den Wind, den Kopf schüttelt, trotzig ein "Nee!" abwirft, unsentimental den Tod herbeisehnt, ja selbst wie sie schweigt, ist ein einzigartiges Abbild eines aussichtslosen inneren Kampfes. Langsam wird es langweilig, aber: Das Dream-Team um Henkel und Beckmann hat wieder zugeschlagen. Die Hauptdarstellerin triumphiert, ja das ganze Ensemble, und die Regisseurin wendet fern kunsthandwerklicher Manierismen die Möglichkeiten modernen Sprechtheaters an.

Sie füllt die Tragödie mit Spannung – wann wird wer was erfahren? – und verweigert am Ende die Katharsis. Weil nämlich niemand nix erfährt. Als Rose endlich, fast befreit und mädchenhaft heiter, ausspricht, dass sie ihr Kind "mit a Hända derwergt" hat, da haben die Herren längst den Raum verlassen: A fucking nightmare. Tosender Applaus.

Rose Bernd
von Gerhart Hauptmann
Regie: Karin Henkel, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Sounddesign: Arvild J. Baud, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Sybille Meier, Chorleitung: Christine Groß.
Mit: Lina Beckmann, Gregor Bloéb, Markus John, Martin Pawlowsky, Michael Prelle, Maik Solbach, Julia Wieninger, sowie Klara Kamper, Marie Leitner, Mathilda Rucker, Julia Schwaiger, Nicole Spreitzer, Amélie-Sophie Wagner und Kilian Bierwirth, Jonas Burmann, Chris Eckert, Dennis Feuerhacke, Jannik Görger, Kai Götting, Ingmar Hans Grapenbrade, Jarryd Alexander Haynes, Marvin Landl, Maximilian Menzel, Jakob Mitterrutzner, Gabriel Nobili, Philipp Pöchel, Vitus Schäfer Zeplichal, Matthias Schallaböck, Jan Tchotchov, Michael Wagner.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.salzburgerfestspiele.at
www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Lina Beckmann ist eine herrliche, festspielwürdige Erscheinung", schreibt Ronald Pohl im Standard (31.7.2017). "Die Inszenierung rund um sie ist durchschnittliches Stadttheater: vorurteilsfromm, auf seine ethischen Einsichten von Anfang an beharrend."

Das Ensemble balanciere bravourös "auf dem schmalen Grat zwischen kitschiger Sozialromantik und klagender Ergriffenheit", schreibt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (31.7.2017). "Die Schöpfung ist schlecht geraten, lehrt uns der bei der Premiere auf der Pernerinsel bejubelte Abend. Aber schämen dafür tun sich immer die Falschen."

Karin Henkel stilisiere den Stoff "und hebt ihn damit auf eine überzeitliche Ebene, die Allgemeingültigkeit beanspruchen kann", sagt Andreas Klaeui im SRF (30.7.2017). Lina Beckmann sei "ein absoluter Glücksfall für diese Rolle (…) sie hat keine Chance, aber kämpft – und wir hängen ihr an den Lippen." Da gehe es dann nicht mehr (…) "um ein Fait divers von vor hundert Jahren, sondern schlicht, und ergreifend! um eine Frau, die unterdrückt wird – um einen Menschen, der unterdrückt wird."

"Karin Henkels Inszenierung ist ein großes Ereignis", schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.7.2017). Unter Henkels "konzentriert-kompromissloser Regie" werde Hauptmanns naturalistisches Symbolstück zu einem "bedrückenden Moraldrama". Lina Beckmann verleihe Roses Verzweiflung "mit einer großen Virtuosität Ausdruck", so Strauss. "Keine Gefühlsregung dieser Schauspielerin kann man voraussehen."

Mit starkem Formwillen hebele Karin Henkel den sozialkritischen Naturalismus des Stücks aus; "kleistert ihn teils auch richtiggehend zu: mit viel Grusel-Schminke, Maskerade, chorischem Brimborium. Um bloß ja nicht altmodisch hauptmännisch zu wirken", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (31.7.2017). Die Sensation des Abends sei "zum einen das Bühnenbild von Volker Hintermeier: eine finstere Grabkammer ist diese Bühne, ein Kirchenbauch, zwischendurch auch eine Maschinenhalle der frühen Industrialisierung und auch eine Geisterbahn", so Dössel. Die zweite Sensation des Abends sei Lina Beckmann: "Die Art, wie diese tolle Trutz- und Kraftschauspielerin Rose Bernds Weg in den Untergang spielt, ohne je die Opferrolle hervorzukehren, hält die stellenweise krude Inszenierung zusammen und gibt dem Stück einen Sog."

Karin Henkel "sucht das Artifizielle und Allgemeingültige, will ganz grundsätzlich von der Unterdrückung der Frau in patriarchalischen Strukturen erzählen", vermutet Christoph Leibold im Deutschlandfunk Kultur-Fazit (297.2017). "Alles schreit hier nach höherer Bedeutung. Ständig untermalt dräuende Musik die Szenen." Lina Beckmann mache ihre Sache gut, "das Schicksal ihrer Rose Bernd aber ist von Anfang an so offenkundig vorgezeichnet, dass man sich fragt, wieso man sich den Rest der Vorstellung überhaupt noch ansehen sollte."

"Diese Inszenierung zeigt eine Tragik-Maschine in voller Fahrt und schöner Klarheit, zwingend wie ein antikes Drama" und "das grandiose Spiel eines großartigen Ensembles" schwärmt Karin Fischer im Deutschlandfunk (30.7.2017).

"Henkel hat das Stück entstaubt, indem sie auf bloßen Realismus verzichtete, sie lud es mit Symbolen auf", schreibt Norbert Mayer in der Presse (31.7.2017). "Die Szenen zwischen den beiden Frauen sind herzergreifend, die Konfrontationen mit den Männern erschreckend." Und: "Es ist fantastisch, wie Beckmann ihre Leidensgeschichte bis zum Zusammenbruch spielt."

Karin Henkel scheint von Gerhart Hauptmanns kaum mehr gespieltem Frauensozialdrama „Rose Bernd“ nicht viel zu halten, schreibt Manuel Brug in der Welt (2.8.2017). "Hier darf niemand naturalistisch glotzen, auch hier muss verfremdet, überhöht und hysterisiert werden." Doch zum Glück setze sich der Text durch und "ebenso die prächtig differenzierte Schauspielerriege". Karin Henkel lasse sie immer mehr gewähren, "fährt den Geisterbahn-Klimbim zurück". So beeindruckten insbesondere Lina Beckmann – "ein sensationelles Trampeltier" – und Julia Wieninger. Die Männer hingegen würden "von der Regie für ihre gefühllosen Taten ebenso grausam wie Abziehbilder behandelt". Kurz: "Vor diesem Rocky-Hauptmann-Horror-Typenkabinett leuchtet die schluchzende, stammelnde Rose nur umso stärker. Und Salzburg hat eine echte Primadonna mehr!"

Kommentare  
#1 Rose Bernd, Salzburg: anrührendImmerwiedergeher 2017-08-02 16:04
Ein anrührender und bewegender Abend mit einer grandiosen Lina Beckmann in der Titelrolle. Die Einwände der Kritik sind - je nach eigener Gewichtung - mal mehr, mal weniger stark zumeist nachzuvollziehen bzw. bedenkenswert. Bis auf den Kollegen "Deutschlandfunk Kultur": das Schicksal ihrer Rose Bernd aber ist von Anfang an so offenkundig vorgezeichnet, dass man sich fragt, wieso man sich den Rest der Vorstellung überhaupt noch ansehen sollte." Mit dieser Erkenntnis muss ich auch nicht in. "Romeo und Julia" gehen, in kein Schauspiel, das ich kenne...
Kommentar schreiben