ghost matters

22. Oktober 2019. "das autor / darf sätze sprechen / die man nicht gern hört", sagt der Dramatiker Thomas Köck in seiner Hamburger Poetikvorlesung, die nachtkritik.de dokumentiert: in Wort, Bild + Ton.

Von Thomas Köck

ghost matters

22. Oktober 2019. Seine Poetikvorlesung "ghost matters" hielt Thomas Köck am 18. Oktober 2019 an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. nachtkritik.de bringt sie hier in Erstveröffentlichung inklusive Endnoten und dokumentiert den Auftritt im Podcast und im kurzen Videoausschnitt. Die Poetikvorlesung ist eine Veranstaltung der Hamburger Theaterakademie / Hochschule für Musik und Theater. Sie fand in diesem Jahr zum vierten Mal statt. In den beiden vergangenen Jahren wurden die Hamburger Poetikvorlesungen von Wolfram Lotz und Ferdinand Schmalz gehalten.

 (Kamera und Schnitt: Laura Gericke)

 

Die Poetikvorlesung im Audio-File:

 

 

 

ghost matters

von Thomas Köck

 

 poetik vorlesung von
thomas köck
an der
hochschule für musik & theater hamburg 

 

 

//

 

 

simon
do you believe in ghosts

zoe
i don’t know
i know they exist

 

tous les dieux du ciel 

  


//

 

 

die sprache ist die waffe

unser rap ist so abturnend dass unsere
äh
eure penisse abfallen

klitclique - der feminist f€m1n1$t

 


//

 

 

es gibt also
geister

und sie sind hier
mit uns
im raum

etwas
ist immer hier
mit uns
im raum

etwas
stört doch
andauernd etwas
stört diesen
raum gibt
einfach keine ruhe

etwas
ist anwesend etwas
ist immer da

etwas war
immer schon da

etwas
hat immer schon diesen
raum gestört

etwas stört

nur so
existiert dieser raum

weil etwas stört weil er
von etwas heimgesucht

es gibt ihn nicht
den leeren raum

es gibt hier nur
den heimgesuchten raum

etwas
steht andauernd da im dunkel

angst
greift um sich

angst
weil jetzt langsam
hier etwas sich entblättert
angst
weil die gewohnten zeichen nicht mehr
funktionieren
weil die gewohnten zeichen heimgesucht von
etwas anderem brüchig werden
angst
weil doch alles gerade sauber
weil doch der vorhang hier
so ruhig im dunkeln draußen vorgartennatur die
auch recht sorgsam ihr ganz
anderes verdeckt
angst weil der vorhang jetzt
zu etwas anderem angst
weil die natur da draußen jetzt
plötzlich ein groteskes eigenleben
angst kommt
angst bleibt
angst verkennt nicht
täuscht nicht
täuscht sich nicht
angst täuscht uns nicht über etwas hinweg

angst ist nicht ohne

angst ist nicht

angst ist nicht ohne
wer sie kennt weiß das
wer sie erfährt kennt das
wer sie spürt weiß das

angst ist nicht ohne objekt

angst täuscht nicht
täuscht sich nicht

angst täuscht nicht
täuscht sich nicht
angst ist nicht ohne

angst ist nicht ohne objekt(1)

etwas
sucht heim

etwas
lässt sich nicht beruhigen
lässt sich nicht
begreifen
wie auch

wie ihn denn greifen
den geist wie
es begreifen
das gespenst

über das nur gesprochen werden
kann und dessen
name oft auch nicht einmal genannt werden darf

das dennoch alles heimsucht alle
verbindungen alle verhältnisse alle
strukturen alle sprache

gespenst der macht

das alles und alle hier durchdringt
alles und alle heimsucht dem
niemand hier entkommt

kann was man gespenst nennt
einfach so
form annehmen

ist es dann noch
gespenst

vielleicht nur
kurz im
verschwinden
hörbar sichtbar
begreifbar

wie hier alle
vielleicht nur kurz
im verschwinden
hörbar sichtbar
begreifbar
vielleicht

wie wir alle vielleicht
lesbar nur kurz
während wir verschwinden

das gespenst
gesehen
dich
als gespenst
gesehen

kurz im umdrehen

als erinnerung
als bild

vielleicht
ins
gespenst gelaufen
in dich
gelaufen

ohne zu wollen
vielleicht
mit absicht
vielleicht
wohlwissend dass wenn
es nicht sprechen darf
das gespenst
du nicht sprechen darfst
es monster wird
das gespenst
du monster wirst

andauernd geister
wohin auch immer man sich dreht
wohin auch immer man sich wendet
dieser raum diese geschichte
eigentlich voll mit geistern
dieser raum
diese geschichte
eigentlich
ohne geister
gar nicht denkbar

(und du sagst immer die eigene geschichte
kann man sich leider nicht aussuchen
oder die historische geschichte
in der man steckt die geschrieben wird
die kann man sich leider nicht aussuchen
und du sagst immer die geister die
auf dich zukommen die kannst
du dir leider auch nicht aussuchen
wie sie da auf dich zukommen
aber du kannst zumindest versuchen ihnen zuzuhören)

resonanz

(und dann sagst du immer
il y avait la civilisation athénienne
il y a eu la renaissance
et maintenant on entre dans la civilisation du cul2)

every love story
is a ghost story(3)

sagt david f. wallace

und dann sagst du immer

every story
is a ghost story

ghost matters
also

immer

übers
schreiben
also 

 

//


where figures from the past stand tall
and mocking voices ring the halls
imperialistic house of prayer
conquistadors who took their share

that keep calling me
they keep calling me
keep on calling me
they keep calling me

joy division – dead souls


//

 

 

ich bin autor
ich bin

gleichzeitig drinnen wie draußen
gleichzeitig teil eines teams gleichzeitig
widerstand gegenüber demselben zur selben zeit
grundlage wie hauptproblem einer inszenierung das
was bilder produziert und das
was man nicht reproduzieren möchte
das was man sich ganz anders vorgestellt hat
immer älter und irgendwie lauter oder so das
was man einfach nur sagen möchte und das
was man umgehen muss um es einfach so zu sprechen das
was man abschaffen möchte und das was einen andauernd verfolgt
das was man mehrfach beschimpft
anschreit
verflucht
das sich echt sauschwer lernen lässt
das keinen sinn macht
(wer den sinn von alledem kennt gebe bitte bescheid)
unpsychologisch ist
(wer psychologisch ist werfe den ersten stein)
das wogegen man revoltiert
das wogegen man sich sträubt

und das mit dem man sich verbündet

gegen die welt
für die welt

gegen das theater
für das theater

kurz
ich bin was stört und als störung grundlegend

(einschub
achtung achtung
ich bin allerdings nicht der text
der hier jetzt reinwackelt
mit anderen texten unterm arm die er mag und
die er so zitiert beim reinstolpern
wo er erstmal unabsichtlich drei so bühnenbilder umschmeißt
der bin ich wirklich nicht
pardon
vorsicht
mit diesem habe ich wirklich nichts zu tun
der gehört mir nicht
der ist jetzt draußen
wie man so sagt
während der da eigentlich ja eher wo reinspaziert
so ein bisschen ungelenk und schüchtern hie und da
aber auch so komm mir nicht zu nah sonst seitenzahl
und alle so
deckung text

und alle so weg vom schnürboden
rettet die oberlichter
fahrt das hubpodium runter

und was weiß ich wer schreit
weg da weg da weg da achtung

und der text steht so da und schaut
und weiß halt auch noch nicht so wie er sich da jetzt
so bewegen soll aber probierts halt mal so seite für seite
und schon kippt der erste portalturm richtung publikum
schnurstracks aufs abo
sorry shit und ogott das abo schreit wer
aber da müssen halt jetzt alle durch

und nochmal für alle zum mitschreiben
sorry pardon verzeihung
ich bin der text
aber ich bin es nicht)

ich also schon wieder

das autor

das störende

das verstörende

das nicht stören will wirklich nicht
aber warum fragt ihr mich dann was
ich von den strichen oder dem konzept halte
weil es tut mir leid ich will wirklich nicht
stören ich verstehs nur nicht ich
versteh nur nicht warum ihr mich fragt
ob mich das stört wenn ihr so und so
und hier was weg und da was raus wieso denn
wieso fragt ihr mich ob mich das stört
während ihr mich zerschneidet
aber ich will ja nicht stören aber
ich möchte schon kurz anmerken dass
aber lasst euch davon bitte nicht stören

however

auch das
das man nicht gern bezahlt

was mir egal ist weil ich eh
unbezahlbar bin

gleichzeitig teil des betriebs und
zur selben zeit draußen

das vogelfreie das
vogelzeitfreie autor also
zum ewigen vagabundentum verurteilt
immer in der falschen zeit unterwegs

ein narr ein
irrwisch ein
gespenst

deshalb darf
das autor
die sätze sprechen
die man nicht gern hört

ein unangenehmer job
den man üblicherweise narren oder kindern überlässt

sätze wie

der kaiser ist nackt

zum beispiel

oder

regietheater ist schon ein bissi urlangweilig geworden
goi

oder

freidrehende drehbühnen sind kein scharfer gedanke

oder

jetzt habts eure klassiker hunderttausendmal gelesen
und die abos sind euch trotzdem eingebrochen
und die rechtspopulisten laufen immer noch amok

oder

stichwort rechtspopulisten
nennt sie doch bitte endlich beim namen
nennt sie rechtsextremisten
nennt sie nationalfundamentalisten
nennt sie faschisten
nennt sie kriegsverlierer
nennt sie ibizaloser

oder

vielleicht löst nathan der weise
eure religionsprobleme nicht

oder

wenn mir noch einmal jemand was neues über europa
erzählen möchte und dafür auf texte zurückgreift
die in einer gesellschaft verfasst wurden
in der sklaverei alltäglich war
schau ich lieber wieder avengers

oder

eure spielpläne sind voll mit texten die von menschen geschrieben
wurden die noch nicht über den nationalstaat hinausgesehen haben

oder

eure spielpläne sind voll mit texten von leuten die den zweiten
weltkrieg als paradigmenwechsel nicht im kopf hatten
ja nichtmal den ersten

oder

eure spielpläne sind voll mit texten von menschen die europa in
einer spätkapitalistischen postdemokratischen zeit nicht mal im
ansatz erfassen konnten

oder

ums mal so zu sagen eure spielpläne orientieren sich wenn man nach
den ganzen toten autoren geht am lehrplan der unterstufe

ergo

macht das diese komische trennung zwischen jugendtheater
und dem anderen zeug nicht eigentlich eh automatisch obsolet

oder

eure opern orchester und spielzeiteröffnungen orientieren sich an
gedanken die zu grossen teilen vor 1848 entwickelt wurden
die tief im feudalismus stecken
und dort stecken eure strukturen eure hierarchien eure
leitungsmodelle

aber

lasst euch nicht stören
ich will ja nicht stören
ich sag hier nur so meinen text

und stichwort text
pardon verzeihung kann ich kurz hier
noch was kurz

noch einmal für alle
die es immer noch nicht gehört haben

eure sätze
die aus einer recht platten kombination der begriffe
"gegenwartsdramatik" "große bühne" und "unmöglich" bestehen

die stören mich wirklich ernsthaft
und wenn ich euch nicht stören soll
wenn wir ein zivilisiertes gespräch miteinander führen wollen
dann spart euch sätze die diese drei begriffe
einfallslos und vorhersehbar kombinieren
und überrascht mich (& euch) mit anderen sätzen

aber ich bin ja nicht der erste der das sagt

sagt sich das autor und fährt fort

however

das gute als autor wie gesagt
man darf sprechen wie ein narr

und alleine deshalb
ist man eigentlich immer allein

zwischen den stühlen

immer fehl am platz

grundsätzlich

aber nie einsam

das autor darf wie ein narr sprechen

es darf narrativa befragen

es muss narrativa befragen

es muss befragen wie ihr
über euch sprecht

es muss befragen was ihr
von euch erzählt

es glaubt euch nämlich nicht
grundsätzlich nicht

es bemüht sich mit euch zu sprechen
und auch höflich zu bleiben
und zu verstehen dass ihr halt tut was ihr tut
weil ihr das so als
körper euch angewöhnt habt
weil diese andauernde gesellschaftliche gewalt
euch irgendwann mürbe gemacht hat und das autor weiß
wir alle haben wunden
und es respektiert das auch
und das autor hat auch genügend davon
über die es aber jetzt gerade nicht sprechen möchte

die liegen unten
in der krypta(4)
die wurden längst inkorporiert
und treiben alles hier oben
mittlerweile an

wie auch immer
das autor glaubt euch nur einfach leider nicht
egal was ihr erzählt
egal wie ihr von euch erzählt

weil in dieser sprache keine
wahrheit möglich ist

immer noch nicht

wenn man sich der aufgabe widmet
narrativa zu befragen

tut man das aus einer haltung heraus

man macht das nicht
weil man schlau sein möchte
oder zeigen möchte was man weiß

man macht das nicht das schreiben
weil man sein trauma seine störung auspacken möchte
man macht das nicht
um gehört zu werden
man macht das nicht
um gesehen zu werden
man macht das nicht
weil man irgendwen erreichen möchte
man macht das nicht weil man
irgendjemanden retten möchte

und schon gar nicht sich selbst

man macht das nicht
weil man irgendwen berühren möchte

man macht das nicht
für ein theater
oder einen verlag

das autor hat sich ja grundsätzlich nie
getraut davon auszugehen
dass sich irgendjemand irgendwann
für diese texte da überhaupt interessiert
die das autor da für sich geschrieben hat
während eine playlist nach der
anderen durchlief und die sonne von einem punkt
zum nächsten gewandert ist und
der wind sich gedreht hat die
straßen voller wurden und wieder leerer
und irgendjemand die tür auf
und zugemacht hat und irgendwer angerufen hat
und man hat sich ausgetauscht und mails gelesen und
jemand hat auf der straße plötzlich den kopf gehoben
und festgestellt dass man ja
beim gehen auch nach oben schauen kann
und nicht andauernd nur nach unten

während dieser zeit
verbringt das autor zeit mit dieser sprache
man versucht die sich
anzueignen
wie ein instrument
und gleichzeitig weit weg von sich zu bringen
um sich nicht völlig von ihren strukturen infizieren zu lassen

hyänengleich
spaziere ich dann so um die tastatur

und verbringe konkrete zeit
zwischen mir und diesen texten
mit händen
und füßen
auf der suche nach
möglichkeiten
nach offenheiten
nach anderen räumen
anderen geschichten
gegengeschichten
suche nach einer neuen sprache in dieser sprache
wie das deleuze mal wo hingekritzelt hat(5)

und das geschieht
in dieser sprache die ich immer wieder neu entdecke
die mir immer wieder neu zusetzt mit
der ich immer wieder neu in verhandlung trete
in dieser konkreten zeit
die überhaupt niemanden sonst
irgendetwas angeht

und in dieser konkreten zeit
die man mit dieser sprache verbringt
treten andere auf
mit denen man dann so ins gespräch kommt
sich austauscht überlegt diskutiert

sehr viele andere

mit denen man dann halt spricht
und sich unterhält

mit denen man sich
austauscht
die einen am leben halten

poesie
sympoesie
sympoiesie
symbiose

sym-poiesis
is a simple word

it means

making-with

nothing makes itself

nothing
is really auto-poietic or
self-organizing

sagt donna haraway(6)

und meine sym-poiesis findet statt mit

freunden
(und die seien hier alle ausnahmslos und für alle zeit gegrüßt)

erinnerungen
musik
filmen fotos bildern
texten
unendlich vielen texten
von toten
oder fast toten
oder nahtoten
oder untoten
geister mit denen man sich austauscht

quality time
mit toten aller sorten

wie eine weinverkostung
in der krypta

we are compost
not posthuman(7)

das passiert nicht
weil man beeindrucken möchte

das lässt man zu nicht um irgendwem davon zu erzählen

mit denen unterhält man sich nicht um geld zu verdienen

man entdeckt da ein problem
dem man nachgehen möchte weil man
versucht zu verstehen
was das ist
geschichte
oder zeit

oder warum wir uns das antun
mit dem kapitalismus

und warum immer alle von naturgesetzen sprechen
aber eigentlich nur marktgesetze meinen

was das ist
so ein körper
und warum der langsam stirbt während der lebt
usw
und während man sich das fragt
stößt man andauernd auf neue fragen
und sätze die einem zugeflüstert wurden
die gesungen wurden
die man gehört hat
und auch ein paar die neu sind
die man sich beim hören frisch zusammengestöpselt hat

man macht das
aus einer haltung heraus

ein multiplizierender sympoietischer rückzug

der singularisiert
und dabei pluralisiert(8)

allein
aber nicht einsam (9)

 


//

 

 

aber achtung achtung achtung
vor der allzu schnellen heilung
denn das was uns zerstört
will uns gleich schon reparieren

ja panik – dmd kiu lidt

 


//

 

 

man fängt jedes mal wieder von vorne an

deshalb ist es anmaßend vom schreiben
als einer art feststehender praxis zu sprechen

oder vom autor als
einem essentialistischen genialistischen ding

das autor ist eher
ein nebenprodukt
meiner praxis
als schreibender person

denkt sich das hier schreibende autor
während es sich so vor sich hin entwirft

und tatsächlich interessiert mich das autor
beim schreiben auch am allerwenigsten

ich hatte das schreiben eigentlich auch schon einmal beendet
denkt sich das autor

ich hatte eigentlich für mich in wien beschlossen
damals vor mittlerweile auch schon wieder gut 10 jahren
dass ich das jetzt bleiben lasse mit dem schreiben

dass es mir alles zu bedeutsam zuviel
kulturhistorischer ballast zuviel
nabelschau zuviel repräsentation
und viel zuwenig
sprengkraft

ich glaube ich wusste gar nicht
wofür man schreiben kann

und ich dachte ich werde halt jetzt philosoph

(und erlebte die entwürdigung des spätmodernen
drittmittel und citation index geilen
universitätsbetriebs
aber dazu können andere besser auskunft geben)

und hab dann wieder verstanden
was schreiben sein kann
als ich angefangen habe im theater
mit an und für performances zu arbeiten
zu assistieren zu recherchieren zu diskutieren(10)

mit schauspielerinnen texte vorbereitet habe
ihnen zugesehen habe wie sie mit diesen texten zeit verbringen
zugesehen habe wie ernst ihnen diese sprachen sind
diese texte

und auch irgendwie eine ahnung davon bekommen
was es bedeuten kann
für körper zu schreiben

und habe wieder angefangen zu schreiben
texte für performances für freunde
tänzerinnen spielerinnen je nachdem
wer da so in wien lust hatte
und so entstanden die ersten arbeiten
die ersten texte eigentlich immer
für oder mit bestimmten leuten

und diese seltsame trennung
dass ich jetzt auf proben oft nur so
als gespenst vorbeidackele kannte ich nicht
die produziert doch genau diesen komischen altherrenbegriff von autor
dieses seltsame
dem deutschen stadttheaterbetrieb so eigene fremdeln
gegenüber autorinnen
als hätten sie alle angst dass wenn da wer von außen
kommt feststellt dass die auch alle nur mit wasser kochen
oder die halbe zeit nicht weiterwissen und probleme mit
dem beamer haben oder sich schämen weil
sie halt indie sein wollen aber halt mal wieder
die mainstream-klassik runternudeln müssen

however

es ist doch erstaunlich dass man menschen
die keine partituren lesen können
umstandslos zugesteht eine oper inszenieren zu können

aber es offensichtlich nach wie vor seltsam klingt
dass das autor die eigenen texte einfach selbst machen möchte

oder
eure letzte rettung
im großen haus
die große theorie collage

oder wie ich das nennen würde
die verwurstung der gedanklichen arbeit von schreibenden menschen
um sich selbst mit dem attribut autor zu schmücken
das andere sich unterbezahlt erschreiben müssen

nur pardon falls euch das nicht
mittlerweile selbst klar geworden ist

collagen
sind kein kollagen

ganz im gegenteil es staubt noch viel gewaltiger
wenn auf der konzeptionsprobe
wieder ein schöner handapparat von der dramaturgie zum thema kommt
und dann munter herumcollagiert wird
aber niemanden diese collagen
etwas angehen

dann hilft auch die freidrehende bühne
und der tighte beat nichts mehr

da verpufft dann alles was man dann auffährt
in dem schönen raum
weil die texte nichts mit den körpern zu tun haben

weil euch
das autor
fehlt

und ich versteh nicht
warum man sich nicht eingesteht
dass man halt nicht schreiben kann
und einfach autorinnen verpflichtet
an bord holt so wie man auch menschen fürs licht holt
oder für den raum oder das video oder die musik
und einfach zusammen probiert
und halt feststellt ob und wie man zusammen arbeiten kann
und da entstehen ja unter umständen
dann auch interessante neue arbeitsweisen
die müsste man halt auch erproben und wachsen lassen
diese zusammenhänge und arbeitsweisen
die klassik hatte diese räume um die zu erproben
alle wissen ihr könnt shakespeare im slimfitanzug vorm fernseher

aber gut
ich wollte ja nicht stören

ich finds nur irritierend bei euch manchmal
in diesem betrieb

weil diese dem schreiben eigene art der versenkung
der abkehr und des produktiven multiplizierenden rückzugs

ganz schön spaß machen und ballern kann
wenn man die zusammen mit schauspielerinnen organisiert

weil die bemerken
wenn da eine sprache kommt
die diese körper mitdenkt und sie
letztlich auch gemeint sind

aber diesem betrieb wohnt eine
foucault würde sagen
sedimentierte skepsis und abwehrhaltung gegenüber
autorinnen inne
die im letzten jahrhundert gewachsen sein muss

was auch mit einem bestimmten begriff
von literatur von kanon von abgeschlossenheit von werk zu tun hat

den
vermute ich
schreibende menschen
selbst zurückweisen würden

es gab dieses selbstverständnis
vom klassiker als blockbuster im großen haus gar nicht
da gabs autorinnen die selbstverständlich
integraler bestandteil des theaters
oder eines teams waren
und diese sogenannten
klassischen und heiligen texte partituren oder stoffe
sind ja auch in sich fragmentarisch fehlerhaft
oder gut kaschiert geflickt geklaut herbeizitiert oder
verweben mythen oder andere stoffe

der klassiker als solcher das kanonisierte zu ende
gearbeitete genialistische werk selbst
ist ein völlig verquerer spuk der bürgerlichen moderne
den leider das regietheater das vielleicht mal ausgezogen war
den auf seine geschichte und
auf seine brüche hin neu zu lesen und auseinanderzunehmen
nur noch fester betoniert hat

wir bräuchten einen neuen begriff von
werk von prozess von literatur
einen zeitgemäßen einen der sich nicht selbst
heilig sprechen möchte sondern auf
die arbeit die auseinandersetzung die suche
das prozessuale und den austausch die sym-poiesis hinweist
ein anderes bewusstsein was literatur text
und eine gemeinsame arbeit sein könnte
aber das kriegt man nicht
wenn man die großen bühnen weiterhin einfallslos
für dieses endlose klassikbingo zur verfügung stellt
in das all die daran anschließenden
strukturellen probleme
schon miteingeschlossen sind

weil das klassikbingo ja eine bestimmte art von
sichtweise von norm und von ensemblepolitik
unaufhaltsam reproduziert
und damit ja durch alle strukturen
und ausbildungssstätten
hindurchwirkt

oder dieser ewigen den irrweg schon in sich tragende begriff von
kanon oder der quatsch mit e und u(11)

es gäbe sehr viele tolle suchende stimmen
in allen bereichen denen man raum geben könnte
öffentlichen raum
über den theater bekanntlich ja verfügen

aber dieses allzu heutige blockbusterklassikerdenken
dieser spätkapitalistischen monopolistischen hypeindustrie
korreliert halt mit der verwurstung
von comics im zeitgenössischen kino
weil die leute auf den sicheren profit und das
pastiche setzen in einer zeit
die sich keine neuen geschichten mehr zumutet(12)

wo die avengers quasi kultur- und medienhistorisch
für hollywood so etwas wären wie
die bakchen oder die orestie
fürs zeitgenössische theater

batman so eine art ödipus
und alle drei jahre gibts einen neuen spiderman

und jede spielzeit grüßt irgendwo der lear
und tschechow ist halt eh immer ein schöner kommentar
auf die posthistoire und die spätmoderne

eine jede form von archaik und sperrigkeit
eine jede form einer tatsächlich über
das bloß zeichenhafte politische hinausgehenden politik
sprich
eine jede idee einer autonomie der mittel im raum
wird so schon auf der konzeptebene
komplett ausgeschlossen
und damit die kunst des theaters selbst

die politische aussage wird zum werbeslogan
und wenn man modern und zeitgenössisch sein möchte
überschreibt man den toten klassiker
und die spielerinnen sagen halt im toten klassiker
mal wieder aufregend zeitgenössisch
fick dich

edelboulevard
nicht mehr

das ist wie dieser germanistikprofessor der
im jahr 2019 skateboard fahren möchte weil er glaubt
damit seine studierenden zu beeindrucken

alle tun so
als wär das die natur
(dieses schwierige schwierige wort mit dem man
andauernd alle sedimentierten
verhältnisse rechtfertigen möchte
die man mangels eigener ideen reproduziert)
als wär das also
die natur des theaters
dass man im großen haus hauptsächlich
tote klassiker rauf- und runternudelt
in fünf probenwochen

und auch hier sofort die offensichtliche korrelation
wir können uns das ende der welt mittlerweile eher vorstellen
als das ende des kapitalismus(13)

und es ist für diese theaterchen absolut unvorstellbar
in großem stil neue stücke auf großen bühnen zu spielen
weil alle sofort panik mit abo und auslastung und weiß der kuckuck

kapital
besetzt nicht nur räume

kapital produziert eben auch räume(14)
auch vorstellungs-räume

und im andenken an all diese nicht vorstellbaren
aber möglichen
gesellschaftspolitischen verhältnisse die wir uns in diesen
spätkapitalistischen
vorstellungsräumen
eben nicht vorstellen können

bleiben die nächsten zehn seiten dieser vorlesung einfach frei(15)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(und eine elfte
im andenken an die
zum scheitern verurteilte
repräsentation der unzählbarkeit
all der seiten
die es eigentlich bräuchte
um all
diese toten möglichkeiten
akkurat und vollzählig
abzubilden) 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


es geht mir übrigens gar nicht
um das ausspielen einer art theater gegen eine andere oder so
denkt sich das autor

ich denke immer in koalitionen in solidarität

und ich meine koalition
im sinne der musikerin und aktivistin
bernice johnson reagon

coalition work
has to be done
in the streets
and you shouldn't look for comfort(16)

man sorgt sich um andere
und wird gleichzeitig von ihnen in frage gestellt
aber unser überleben
hängt immer voneinander ab

sym-poiesis heißt eben auch
keine autonomie ohne solidarität(17)

und ich glaube dass es neue bündnispolitiken braucht
und bin da ua wieder bei judith butler die verletzlichkeit
und vor allem prekarität
als basis für neue koalitionen vorschlägt

denn prekarität überschreitet identitätskategorien
ebenso wie die grenzziehungen multikultureller landkarten(18)

es gibt genügend künstlerinnen und kolleginnen
in den unterschiedlichsten arbeitspraxen
oder auch einfach in der regie in der choreographie im spiel(19)
die eine eigene textur und sprache entwickeln
und mit ähnlichen problemen zu kämpfen haben
in diesem hochgetakteten
irgendwie momentan nur noch schrumpfenden
no-failure-allowed betrieb

(und wie immer
hängt ja alles zusammen
hängen wir da ja auch alle zusammen drin)

mir geht es hier und jetzt
aus eigener erfahrung in den letzten jahren
hauptsächlich um die frage warum regelmäßig
so viele tolle stimmen die dieses medium abfeiern
kolleginnen von denen ich auch sehr viel gelernt habe
nach doch recht überschaubarer zeit
einfach so wieder verschwinden

und vielleicht liegt es an dem
vorauseilenden selbstverständnis was texte fürs theater
sein sollen und was sie eben nicht sein sollen

arbeitstreffen
man trifft sich auf kaffee unterhält sich über themen
alles ist nett und man soll was
über global und kapital und klima und gewalt und alles und
starker text und so und
studio sagen sie dann
kleine bühne

und da sitzt man dann wieder
professionell
und denkt sich
jo mei
theater

und vielleicht genau so
wie der eine text da von dir
aber halt nicht mehr als
zwei drei personen sollens sein
im großen globalgewalttext

wie soll man denn da
verhältnisse ändern und neue formen durchsetzen
frag ich mich aber
ich will ja nicht stören
sorry und ich weiß eh das abo und so jaja

und übrigens nachspielen tun wir auch nicht
auch wenn der eine text da von dir echt gut war
und gerade eigentlich voll gut passen würde
sorry
halt nur die toten klassiker
die halt immer irgendwie passend gemacht werden
die jodeln wir die ganze spielzeit lang hinauf und hinunter
aber ein neues
textliches repertoire zu schaffen
das ja auch neue stimmen sichtweisen formen und
eine neue ensemblepolitik und sichtbarkeiten transportieren könnte
das käme uns in den vier jahren die wir hier
am haus sind nicht in den sinn

das können wir uns gar nicht vorstellen

es wurden werkzeuge geschaffen
mit denen man autorinnen erste schritte ermöglicht
und das nennt man dann
autorinnenförderung
als wären die alleine nicht gehfähig

nur
nach den ersten geförderten schritten
wenn sie dann tatsächlich selbst gehen und wissen was sie wollen
sollen die dann oft bitte wieder abgehen

es ist doch so
die leute wollen nicht gefördert werden
die wollen gespielt werden
mit korrekten probenbedingungen
und fair bezahlt

die sind doch in wirklichkeit nur deshalb
förderungswürdig
weil immer so getan wird
als wüssten die alle nicht wie theater geht
und weil die theater schiss haben
nachhaltig und auf dauer
diese schönen großen bühnen frei zu machen
für geile neue texte die es ja gibt
von so vielen kolleginnen

das wäre eine nachhaltige
erwachsene beziehung
auf augenhöhe

ich hab das alles leider nie gemacht
mit den kleinen texten und dem kleinen wunschpersonal usw
ich hab euch chöre geschenkt
und viel zu große texte
weil mir an denen
und am theater sehr viel liegt
und ich hab angefangen mir teams aufzubauen

weil ich mag da nicht mehr drin hocken bleiben
in diesem missverständnis von einer beziehung
die das theater mit den autorinnen halt so führt
die mir bis heute suspekt ist
die ich bis heute als
unangenehm und völlig ineffizient
für alle beteiligten empfinde

es gibt bestimmte kollaborationen die ich sehr schätze
nur dort ist es halt eine frage der kontinuität
man schreibt sich tauscht ideen aus entwickelt zusammen
das ist ganz schön
und das schlägt sich ja auch in der arbeit nieder
da findet ja die sym-poiesis statt

kontinuität eben
nur wie soll denn eine "produktive reibung" entstehen
wenn man einmal was zusammen macht und dann nie wieder(20)

bildet banden
denkt sich das autor immer wieder

bildet banden

denkt es sich
an dieser stelle
hier und jetzt
und immer wieder
sym-poeitische streitwägen

es macht wahrscheinlich irgendwie sinn
für tote klassiker menschen zu engagieren
die diese toten klassiker
die ja tatsächlich auch
einen nicht von der hand zu weisenden
historischen schauwert
vor allem für deutschland
das erste mal bereisende
touristengruppen besitzen
als hochkulturelles event
in zukunft am besten auf der studiobühne
inszenieren dürfen
in einem hochspezialisierten immer kürzer getakteten betrieb
der nur noch fünfbissechs wochen
auseinandersetzung mit einem stoff
den körpern und dem raum zulässt

(wenn man da noch von auseinandersetzung sprechen kann)

(und ich meine die müssen sich ja auch nicht begegnen
die toten klassiker und die expertinnen für die toten klassiker
und oft tun sie das dann auch tatsächlich nicht
weil wenn man in einer spielzeit
mit fünf toten klassikern aufwärts
zu tun hat dann beginnt man vielleicht die eine oder andere
beziehung etwas zu vernachlässigen
die stehen dann eher mal zusammen auf ihrer großen bühne wie
zwei gegenläufige bühnenbildideen
auf einer bauprobe per skype)

nur
es macht nicht zwingend sinn
wenn leute jahrelang
an einer ästhetik und sprache arbeiten
die dann
ohne ausführliche rücksprache mit der person
die sich darein jetzt
einfach eine weile versenkt hat
in einen überhitzten betrieb rückzuführen
(der diese ästhetik überhaupt erstmal verstehen muss)
und von "produktiver reibung" zu sprechen
wo man nur von "reibungsverlust" sprechen sollte(21)

es heißt nun einmal etwas
wenn man gewohnt ist (mehr oder weniger) alleine
über monate eine sprache eine geformte
die hält über 120 minuten und darüberhinaus
(die unter umständen auch in zehn zwanzig jahren noch hält)
auf unbeschriftetes papier
zu packen

eine sprache die
in ihrer form
mit räumen und körpern kommuniziert
und gegen kritik
tote klassik
und skeptische dramaturgien bestehen muss

das ist nun einmal eine art der versenkung
der abkehr und des produktiven multiplizierenden rückzugs
die jeder anderen kunst in nichts nachsteht
aber in euren spielplänen und großen festivals
immer noch hauptsächlich
auf den nebenschauplätzen vor sich hin gammeln darf
als infantilisiertes adabei

ich schweife ab
pardon ich wollt ja nicht stören ich
hab das auch schon sehr oft gesagt und
kanns ja auch selbst mittlerweile nicht mehr hören
pardon kann ich kurz hier durch sorry wollte nicht stören

ich frage mich nur weil ich ja
gefragt wurde hier
über meine arbeit zu sprechen
wie es eigentlich kam
dass ich angefangen habe zu schreiben

und die antwort ist simpel

ich habe angefangen zu schreiben
weil ich theater mochte(22)

weil ich proben mochte
weil ich das rumdiskutieren und die beleuchtungsproben mochte
weil ich bühnenbilder liebe

weil ich die technik mochte die da hinten immer mit
ihrem nerdkram sitzt und überlegt
wo man jetzt noch einen hazer herkriegt
und man einen blöden kommentar zurückkriegt
wenn man eine blöde frage stellt

weil ich die energie von diesen räumen mochte
und oft in diesen räumen beim stundenlangen
konzentrierten zuschauen und rumspinnen
erst so richtig warm werde(23)

weil ich meine jugend in feuchten kellern
mit eierkartons an den wänden
auf bandproben verbracht habe

und weil ich mich gefragt habe was eigentlich
geile sprachen
für so körper wären und wie man die gemeinsam
erarbeiten könnte

und ich habe angefangen zu schreiben
weil ich mit leuten zusammen arbeiten wollte
sym-poeitisch
weil ich ideen für sätze
sprachen texte für diese räume hatte

weil ich es liebe

was passiert
wenn spielerinnen
texte sprechen

und das auch mein heimlicher antrieb ist
zu wissen dass diese texte gesprochen werden
dass da ein körper diesen texten begegnet
und die miteinander was auch immer veranstalten
etwas das sich so schwer übersetzen lässt
etwas das zufällig passiert auf dem weg auf die bühne
oder in der kantine kurz
vorm auftritt oder auch irgendwie nie passiert
und da stehen dann auch mal so ein körper und die sprache
wie eine hanfpalme
und eine flatterulme im nadelwald
voreinander und starren sich
völlig irritiert an

und mir sind die arbeiten auch anders nahe
die mit und für die spielerinnen entstanden sind
wo man sich begegnet schreibt diskutiert streitet
streicht umstellt neu schreibt lernt verwirft
überlegt und wach bleibt füreinander

und sich nicht diese seltsam infantilisierende
haltung gegenüber autorinnen einstellt
die mir und anderen
in diesem betrieb schon so oft entgegengeweht ist(24)

(es ist nicht besonders stressig
gemeinsam ganz andere zusammenhänge zu probieren
wenn man lust drauf hat
noch dazu wenn man sich zeit dafür nimmt
nicht 50 sachen im jahr macht
und texte gemeinsam prüfen kann
es wird immer nur stressig dadurch
dass leute von außen stress produzieren
und alle so tun als wäre man als künstlerin oder künstler
von vornherein auf einen bereich festgelegt
das ist ein nachvollziehbarer weil
zeichenminimierender wunsch des feuilletons
und von menschen in programmabteilungen
das erspart komplizierte beschreibungen
und ermöglicht einfache planungen
nur kunst ist nunmal bei näherer betrachtung
kompliziert und dreckig
and it knows no difference between right or wrong)

deshalb habe ich halt damals vor gut zehn jahren
überhaupt wieder angefangen texte zu schreiben

für und wegen
theater

ich hatte diese berge von texten aus den philosophieseminaren
und wollte die halt benutzen und damit arbeiten
nicht immer nur kommentare und hausarbeiten schreiben
und bin damit in performances gestolpert

und so hat das angefangen
in cafes leeren kinos hinterbühnen unibühnen selfmadebühnen usw(25)
ich habe angefangen zu schreiben
und mit freunden die texte gesprochen
weil ich für diese räume und körper diese texte schreiben wollte
weil ich für theater schreiben wollte

und außerdem bin ich
autor

auch wenn ich musik mache
mit spielerinnen arbeite
chöre einstudiere
mit bühnenbildnerinnen ideen austausche
oder spazieren gehe
bin ich

autor

ghost matters
ghost meckert
ghost wettert 

 

 

//

 

 

 haltet alle uhren an
hindert den hund daran
das rad anzubellen

wo immer ich aufschlage find ich dich
du fällst im schatten der tage
als stille und stich

ich trink auf dich dutzende flaschen wein

soap&skin - vater

 

//

 

autor sein hat etwas mit lesen
zu tun

denkt sich das autor
während es innehält und überfliegt
was es da gerade geschrieben hat

(kann man das stehenlassen
fragt es sich weils schon recht viel ist mittlerweile
aber was weiß ich
und liest weiter)

das autor entsteht aus einem prozess
der erst im lesen stattfindet
in der relektüre der eigenen texte die dann andere werden
oder in der lektüre anderer die dann das eigene werden
das allerdings immer schon wieder woanders ist

deshalb ist der text
auch immer ein angebot
nur halt ein nicht nachgefragtes

also ein überschuss
ein marktgefährdender

und die praxis selbst
die suche nach öffnung
so etwas wie eine einladung
auf eine wanderung
auf einen gemeinsamen prozess

ein prozess der immer wieder von vorne beginnt
immer wieder sich selbst befragt
immer wieder mit sich selbst aneinandergerät
immer wieder ins stocken
ins stottern
kommt

eine praxis
die sich deshalb auch einfach nicht
von ihrer zwillingsschwester
dem lesen
trennen lässt

und ich meine lesen
als praxis

so wie man filme wie texte lesen kann
oder partituren oder
räume oder körper erinnerungen bewegungen oder
gesichter

lesen bedeutet spurensuche

lesen meint im sediment wühlen lesen meint fragen
wer
hat das entwickelt wer
hat das gesagt wer
hat das designt wer
hat das geschrieben wer
sagt hier gerade ich oder wir oder wie
kommt dieses argument hier zustande und was
will damit erreicht werden

lesen als praxis
ist eher archäologie

ist eher
gespensterkunde

wühlen im sediment

ist aber auch
immer gespräch mit anderen

weinverkostung in der krypta

lesen ist immer auch
konfrontation
mit dem anderen

weil man erstmal zulassen muss
was da steht

die geister zulassen
die man
da gerade aufscheucht

zulassen nicht zu wissen wohin
man da jetzt kommt wenn
man diesen gedanken weiterdreht
und weiterdreht noch weiter noch
ein bisschen bis
an sein ende denkt diesen gedanken
den man sich ausleiht kurz
mit dem man rumläuft
tagelang den man nicht los wird der
irgendwann zum eigenen wird oder
man selbst davon hier
völlig infiziert bis man sich selbst
verliert da drin
in dem gedanken den man
gelesen hat wo
fängt der an
der gedanke den man liest wo
hört der auf wo
hört die
eigene stimme auf wo
beginnt der text das andere das
geschriebene das
immer schon
der andere ist das
wort das nie
unschuldig hier frei zur verfügung das
schon über eine reihe von lippen hier
spaziert da dieses wort das da
so unscheinbar im raum sich als
gedanke tarnt nur
wo beginnt der wo
beginnt das wort endet der
gedanke endet das wort beginnt der
gedanke wo ende ich beginnt der
andere gedanke wo beginne ich enden
andere gedanken die
mit anderen worten entwickelt durch
die geschichte hindurch bis
sie sich hier und jetzt niedergelassen unschuldig
vermeintlich als hätten die da
die worte und gedanken andauernd schon
gestanden und gewartet auf uns
das man sie abholt parasitär
heften sie sich dann an einen
infizieren einen wie
ein virus beginnen zu wuchern
wachsen zu etwas anderem
werden sprache sound erinnerungen

werden ich
infizieren ich
heften sich parasitär an dieses ich

lesen heißt dass wir uns aussetzen
dass wir einander aussetzen dass
wir uns einander aussetzen dass wir
uns gegenseitig aussetzen
wir uns miteinander dass wir
uns miteinander auseinandersetzen
wir uns dem anderen aussetzen um
uns miteinander auseinanderzusetzen

lesen heißt uns
verschwinden sehen lesbar werden
im verschwinden heißt
aussetzen uns
miteinander auseinander
heißt infizieren heißt disseminieren
einsam aber nicht allein

so wie unsere körper überhaupt erst
auftauchen sichtbar werden
voreinander wenn wir da stehen
voreinander und uns berühren

wenn wir einander erblicken wenn wir
uns einander aussetzen

so taucht dieses
wir
überhaupt erst auf
indem wir uns
miteinander auseinandersetzen

im text

in diesen jahrhunderten aus text(26)

lesen heißt sich infizieren mit gedanken
heißt sich aufgeben heißt sich
aufs spiel setzen lesen
war nie

eine angelegenheit um ruhend mit sich identisch zu werden

so wie das spiel nie
eine angelegenheit war
um sich zu finden

sondern immer dazu da sich doch endlich zu verlieren
sich selbst wegzuschmeißen
endlich sich selbst loszuwerden

oder liebe die sich nie darum gedreht hat
einander zu durchdringen oder zu offenbaren
sondern gerade die gegenseitige
unbegreiflichkeit fremdheit
unverständlichkeit braucht(27)

es ist nicht richtig
dass man um so mehr versteht
je mehr man liebt
wozu das liebesgeschehen mich
befähigt
ist lediglich die folgende einsicht

dass der andere unbegreiflich bleibt(28)

und wir uns gegenseitig
und wir uns selbst
was immer das auch heißt

was immer das auch sein soll

das einzige
das wir überhaupt je hatten

unsere beziehung zum anderen

dieses riesige rätsel

du ihr da
in diesem raum
das andere

ich selbst
das andere
in mir

dieses andauernde und wiederholte
gespräch mit diesem anderen
in uns selbst mit
uns selbst im blick des anderen vor dir
neben dir mit dir über dir unter dir unser
unendliches gespräch miteinander
voreinander nebeneinander und man holt luft
wir erzählen uns voneinander indem
wir luft durch unsere stimmlippen pressen so
begegnen wir einander wir lassen unsere stimmlippen
in unterschiedlichen frequenzen schwingen
wir beide die großen anderen voreinander
auf dem teppichboden sitzend oder balgend oder schwitzend

manchmal war es lästig
wenn wir beide eng umschlungen
mit an starrsinn grenzender beharrlichkeit
zeitgleich in die mitte eines zwischensreichs
uns ziehen ließen(29)

alter
ego

es ist unmöglich
dem anderen zu begegnen unmöglich
den anderen in der erfahrung und der sprache
zu achten
ohne dass dieser in seiner andersheit
erscheint(30)

und mich damit sprengt

glücklicherweise
endgültig

der andere ist immer schon tod
grenze ende
eines jeden subjekts

glücklicherweise

der andere
mein tod

true love
will kill you in the end

alleine
aber nicht einsam

zersplittert
fragmentiert
in all diesen identitäten
die nie eins waren
nie eins sein wollten die
nicht nach hause gehen wollten
und noch zwei runden sitzen bleiben wollten
die einfach nie eins werden wollten
mit niemandem(31)

glücklicherweise

oder auch so

die zeit
ist der andere

die geteilte zeit
in der wir uns hier
miteinander auseinandersetzen

dem man beim schreiben irgendwann unterwegs begegnet

all das geben diese
gedanken preis

während wir ihnen nachgehen nach
geistern während
wir ihnen folgen denken das
ist sie das ist
unsere welt das sind sie
unsere gedanken das ist sie
unsere zeit so
war die wird die sein wird die so gewesen sein

das sagen diese
worte wenn man anfängt die
zu wenden umzudrehen

nach geistern abzuklopfen nach
ihrer geschichte nach
ihrem erbe ihrer herkunft ihren
spuren ihrem sediment

und wo die worte schließlich brüchig
glitschig verschiebbar werden
wird das auch die geschichte

wird sichtbar was
in ihr
der geschichte wann
verschwunden

was
wann in ihr verborgen
vergraben wie

es verschwunden ist
das gespenst wie
es beiseite geschoben wie
es in der geschichte
übergangen wurde das
gespenst

ghost matters ghostly
matters

gespenstische angelegenheit

unsere beziehung zueinander

im kampf um anerkennung
voreinander im
ständigen gespräch miteinander

müssen wir uns miteinander
auseinandersetzen

dieses lesen

nie weiß man wen
man aufschreckt welches
gespenst auf
der nächsten seite sitzt 

 


//

 

  brother is we is each of us we ghosts
brother of white folks we
don't never known us brother we
because we never doesn't fits
nowhere we brother
doesn't fits in bodies

shane mccray – whose story of us we is told is us


//

 

ghost matters ghostly
matters ghost
that matters

gespenstische angelegenheit

das gespenst der
eigenen erinnerung andauernd hier
andauernd anwesend andauernd

das autor

das arbeiterkind

von dem man heute ja kaum noch spricht

vom klassengespenst
das in der ersten klasse gymnasium
das erste mal
als klasse sichtbar wurde
alleine
unter dreißig anwalts- und ärztekindern

das nennt man dann
postideologisch

ich nenne es
das allezeit immer himmelsweit nach oben offene österreich
mitte der postideologischen neunziger

das klassengespenst
das immer noch umgeht
hier in europa
mittlerweile allerdings als monster
als wiedergänger untoter

denkt es sich
das autor

das handwerkerkind

das im sommer in den fabriken angestellte das
von schulden gesegnete das
die toten gesehen hat hängen
und brennen das
in die musik entflohene das
vom gymnasium entlaufene
back to your roots lieber
tischler bleib bei deinen leisten
was praktisches das
lange zeit sich dann zu blöd gefühlt
für diese texte hier für diese räume hier

das
immer noch hofft hier nicht aufzufliegen

hysteresis
nennt bourdieu das
stabilisierter habitus(32)

in einer mir ehrlich gesagt völlig
fremden welt in der das autor zwar als
autor wahrgenommen wird

der gegenüber das autor allerdings
völlig fremd bleibt

das arbeiterkind
aus der bauernfamilie
das schreiben als
konkrete praxis als
arbeit begreift als
kontinuierliches schleifen
von material

wie es der tischlerbub immer gesehen hat

das kontinuierliche schleifen
von material
das dann langsam eine form erhält

das regelmäßige frühmorgendliche kontinuierliche schleifen
von material

(und dann muss man das so in die hand nehmen und hochhalten
das gewicht spüren und genau schauen ob da eh alles passt und die
kanten gut geschliffen sind und mit dem daumen muss man fest
drüberfahren und schauen
ob die eh was aushalten diese bretter
weil die woanders zu bühnen werden
und alles aushalten müssen)

schreiben als kontinuierliche praxis
zwischen mir
und dieser sprache

denkt sich das autor

konkrete arbeit
am begriff

mit fräse oder winkelschleifer
und irgendwer schreit über den maschinenlärm
und ein paar sitzen im pausenraum
schweigend überm leberkas
und irgendwo zündet sich einer
zündet sich einer
zündet sich einer

eine zigarette an

und ein anderer schreit zurück

geräusche aus der werkstatt
aus der arbeiterkindheit

die längst nur noch schemenhaft
da steht gespenstisch fremd
wie eine völlig andere welt

weil das kontinuierliche schleifen
von material

schreiben

nicht
identität schafft

sondern auslöscht

weil man etwas anbietet
das keine nachfrage besitzt
das keiner braucht

sich selbst
und diese texte

weil schreiben nicht erklärt sondern
konfrontiert

weil schreiben nicht erläutert sondern
durchstreicht

und schreiben
alles sprengt
was man gewissheiten nennt
selbstverständlichkeiten

und die eigene wahrnehmung
auf den kopf stellt

und uns immer mit dem
radikal anderen in uns selbst konfrontiert
dem widerstand
in uns selbst

und das muss man aushalten

alleine
aber nicht einsam

aber gut

was wäre schreiben
ohne widerstände was

wäre die arbeit
unsere arbeit
ohne widerstände

am widerstand erst zeigt sich das gespenst

materialisiert es sich

ghostly
matters

ghosts
that
matter

da tritt es zutage am widerstand will
wieder sich verstecken will
nicht alle verschrecken keiner
will es sehen das gespenst
drum haben wir hier
eine mauer einen zaun eine sprache
die das gespenst hier von
uns fernhält und
wer dagegen stößt schlägt sich die lippen blutig

deshalb
darüber lieber erst einmal nicht sprechen

nur was

wäre das autor

ohne widerstand

worüber sollte das autor denn sonst
sprechen
wenn da kein widerstand

wozu überhaupt schreiben
wenn da kein widerstand

woran sich reiben
wozu schreiben wenn

man an nichts sich reibt an
keiner welt an keinem widerstand
an keinem gegenstand an keinem ding

denkt sich das autor
zwei zähne hat es sich ja hier schon
ausgeschlagen
die lippen waren mehr als einmal blutig

und widerstand
kann nun einmal nicht
negativ sein

sonst fließt kein strom
sonst passiert hier nichts

ohne widerstand
keine spannung

ohne spannung
kein strom

hat das autor beim arbeiten
in der fabrik für elektrotechnik gelernt

widerstände

die können biografisch sein

die können ästhetisch sein

die können inhaltlich sein

die können sprachlich oder formal sein

die können aus einer
überforderung
entstehen

die sehr befreiend wirken kann
besonders um eigene widerstände zu unterlaufen
durch die völlige überforderung

wie zum beispiel damals
als das autor sich monatelang
in die libanesische geschichte eingearbeitet hat
in den ausverkauf von beirut
mit künstlerinnen architektinnen aktivistinnen
dem pressebüro der hisbollah
zu tun hatte für eine gescheiterte doku

oder damals

als sich das autor mit kriegsberichterstattern
austauschte über die alltäglichkeit
ihres ausnahmezustands für ein theaterstück

oder vor kurzem

als wir in mexiko überlegten ob wir nachts
zu der location fahren können
und den organhandel den verschwundenen bus
die bewaffneten busfahrer
und die recherche miteinander abgewogen haben

in allen fällen war die recherche immer wichtiger
als das ergebnis

war die suche eigentlich immer das entscheidende
der prozess
sich in etwas zu begeben
das man nicht völlig unter kontrolle hat

alleine dadurch spürt man sie dann schon
die eigenen
widerstände

es ist nun einmal verflixt noch eins nicht möglich
problemlos
über probleme zu berichten

oder konfliktfrei
über konflikte

wo tut sich ein widerstand auf
im eigenen denken
oder in einer konkreten arbeit
weshalb

worauf stößt man da
warum

und wieso interessieren die so sehr

diese widerstände

was ist daran widerständig
woran reibt man sich da

wenn es keine widerstände gibt
weiß ich doch nicht
woran wogegen
ich gerade sitze

gleichzeitig leiste ich mit meiner arbeit
immer widerstand
gegen etwas

zum beispiel gegen die grammatik
die wirklich der todfeind
der sprache ist
aber auch der körper die sich
in diesen räumen
gemäß ihren grammatikalischen regeln
bewegen sich verhalten
sich positionieren
situationen schaffen
die bestimmten regeln unterworfen sind
die damit überhaupt erst reproduziert
und damit wieder in kraft gesetzt werden

die grammatik
gilt es einfach zu ignorieren

und man kann sie nicht
ignorieren

sie suchen uns heim
diese regeln
in diesen räumen die wir bewohnen
deren miete wir uns längst nicht mehr leisten können
aber trotzdem weiter dafür arbeiten

so will es die grammatik
auch wenn wir sie scheiße finden

ordnen wir uns ihr unter
es gilt sie zu verschieben
in der sprache
im sprechen
im gebrauch der zeichen im
gebrauch der regeln im
gebrauch der lüste

hysteresis
nennt bourdieu das
stabilisierter habitus

denkt es sich das
autor

das
arbeiterkind

das andauernd habitusirritierte

das diese regeln auch
nie so richtig verstanden hat
pardon pardon
und begonnen hat
sie zu verschieben

vielleicht
weil es
das arbeiterkind
darin gar nicht vorgesehen ist
in diesen texten diesen sprachen diesen räumen

weil es die irritation des eigenen habitus
auf die andere seite schiebt

destabilisierung der grammatikalischen regeln
eurer welt
bedeutet die reformulierung der körper

deshalb war für mich der tanz auch immer so wichtig
denkt sich das autor

ich war ja damals in wien
kaum im theater
ich hab eigentlich nur tanz geschaut
und mich mit tanz beschäftigt damals

und gerade in den ersten texten
als ich noch dachte
dass theater eher so komplizen eines textes sind
komplizen der ideen und bilder die man da hineinschreibt
wie man sich das so vorstellt

denkt sich das autor
als ich die grammatikalischen regeln eurer
hochleistungskunstmaschinen
nur so gerüchteweise kannte

denkt es sich

wollte ich dass tänzerinnen
mit den texten arbeiten
künstlerinnen deren umgang mit sprache
anderen grammatikalischen regeln folgt

oder dass andere verschiebungen besetzungen körper
zugelassen werden

aber wie soll man denn
mit widerständen arbeiten
wenn man nur sechs wochen zeit hat
daneben jeden abend spielt
jeden abend etwas völlig anderes
und zwischendrin noch lesungen hat
und in den endproben schon
die konzeptionsprobe für die nächste arbeit parallel
läuft

da hält man widerstände
gar nicht mehr aus(33)

wenn man sich als
gesellschaft den maschinen
überantwortet hat

wie man sich als staat
als gemeinschaft als kontinent
den märkten überantwortet hat

da muss man funktionieren
um nicht durchzubrennen

und eine jede
außerkraftsetzung von
grammatikalischen regeln bedeutet

freier fall

weil uns die zeit
und die grammatik mittlerweile fehlt

anhand der widerstände
neue räume zu entdecken

widerstände

dort wo etwas nicht funktioniert wie
es sollte dort
fängt eigentlich immer meine suche an

denkt es sich das autor
widerstände

an denen man sich reibt gegen die man
die worte richtet

weil schreiben eben nicht
identität produziert sondern
differenz

zwischen mir und
mir selbst
im anderen
den ich andauernd verpasse

denkt es sich
das autor
weil schreiben eben nicht
antwort als
dienstleistung liefert

sondern
auseinandersetzung frage unruhe schafft

weil
ich nicht das autor bin bin
nicht das text das
autor bin nicht ich das text das
autor bin nicht ich bin
der sound bin nicht
das autor nicht die sprache bin
der sound bin nicht bin ich bin nicht

wo bin ich
fragt das autor sich

weil grundlage des textes fiktion
auf allen ebenen

weil beim schreiben nur eine realität existiert
nämlich die des textes

weil alle hier ich
sagen können
an jeder stelle

weil grundlage des textes
übersetzung kollision von
zeichen und symbolen ist

eurer zeichen eurer strukturen eurer grammatik
die ich für mich hier und jetzt neu erfinde
sagt sich das habitusirritierte autor

weil grundlage des textes lesen ist

sich selbst
als den anderen lesen
der man schon wieder eh nicht gewesen sein wird
pardon pardon pardon
stattdessen wieder etwas ganz anderes

ich bin das nicht das autor bin nicht ich bin
schreiben bin praxis
der auslöschung

der eigenen wie
des anderen des
durchstreichens erfahrung
reiner differenz schreiben
als praxis
auslöschung
und damit ist nicht gemeint
das autor verschwindet
aus dem text

es meint im schreiben
etwas anderes werden

und damit möglichkeit

möglichkeit
der reformulierung der
erfindung

reformulierung der
geschichte

hektisches aufwühlen des
sediments

auf der suche nach möglichkeiten der
reformulierung veränderung verschiebung

bis die finger schmerzen
und schmutzig sind

kein wühlen im sediment
ohne selbst dreckig zu werden

heimsuchung als versprechen

ich bin nicht hier und
werde immer hier gewesen sein

sagt das autor
und denkt sich

ghost matters
ghost shatters

enter ghost
enter future(34)

 


//

 

 

text ist ein ort
an dem man zusammenbrechen kann
ohne gefeuert zu werden

maren kames


//

 

 

an den widerständen
entsteht auch die haltung

denkt es sich
das autor

und die
macht eine sprache erst
interessant

die macht eine form erst
notwendig

diese haltung

und schreiben ist letztlich immer auch
eine suche nach haltung und
damit nach form

andauernd
und immer wieder

deshalb auch schreibt man
schleift man das material

nicht wegen der story
sondern für die form

nicht für den plot
sondern für den sound

nicht wegen des themas
sondern wegen der haltung

um eine form zu finden
die der eigenen haltung entspricht

schreiben schafft haltung
haltung schafft form
form schafft text

wie von selbst
steht der dann da
der text

in einer form in
einer haltung
sprechend
dann schlussendlich fast
wie von alleine fast

frei wird der dann
dieser text
der da jetzt steht
sich haltend
an der form und umgekehrt
form schaffend durch die haltung

sprechend
fast wie von ganz alleine

aber die suche nach form
und haltung
ist immer die suche nach
inklusion

ist immer die suche
nach einer offenen form

kunst letztlich immer die suche
nach offenen formen(35)

und wer hier alles plötzlich mitsprechen kann
in dieser form

wer hier plötzlich aller zu wort kommt
in dieser offenen form
wer hier jetzt plötzlich aller spricht

wer spricht hier
ruft es in diesen raum hinein das
autor wer
spricht hier

keine figuren im sinne von
in sich abgeschlossenen wesen

wen interessieren die denn
diese in sich geschlossenen wesen
wenn die doch auf diesen riesigen offenen bühnen stehen

wir waren doch gerade bei den widerständen
beim singulär pluralen beim offenen
wieso jetzt wieder zurück

ich glaube leider einfach nicht
an figuren
im populären sinn

ich glaube nicht an identifikationen
ich glaube an begriffe

ich glaube nicht an rückbindbare psychologische amalgame
ich glaube an körper

ich glaube nicht an ein selbst
ich glaube an gespenster

ich bin da ganz materialistisch

ich glaube an die notwendigkeit
von geschichte
und geschichten

eine figur
die sich in einem satz zusammenfassen lässt
hat die kontrolle über ihr leben verloren

und ich glaube an musik

in der musik sind figuren
wendungen(36)

und in dem sinne interessieren mich auch eher

wendungen

so wie
zeilenumbrüche
oder
gegenreden
oder
bewegungen
oder
fragen und antworten
oder
plötzliche sinnbrüche
oder
kollisionen von bildern
oder
von geschichten
oder
von erzählungen

kollisionen die spuren freilegen

(wie am cern läuft das hier hin und wieder
zwischen mir und der maschine ab
wo winzigste differente teilchen miteinander kollidieren
und alles was die kollisionen zeigen sollen
sind wendungen
spuren anderer noch winzigerer teilchen die man nur
dank der spuren dieser kollision zwischen winzigen teilchen sieht)

oder natürlich
kollisionen von zeiten

die ebenso spuren freilegen

von anderen zeiten
von zeiten die einmal
gewesen sein könnten

oder von zeiten
die in der zeit
vergraben wurden

von unerzählter geschichte

die in der zeit vergraben wurde
und die man wieder reaktivieren könnte
indem man nach ihren spuren sucht
die nur noch in
wendungen sich finden

die vergangenheit aus dieser erzählung
einer geschichtslosen postideologischen gegenwart
die wir spätmoderne nennen
herausreißen und wieder in etwas aktives verwandeln
zu dem wir in einer spannungsvollen beziehung stehen

die vergangenheit
als ein reservoir begreifen
als etwas das uns angeht
betrifft mit uns im austausch steht
uns formt

ganz im gegenteil
zum spätmodernen narrativ
vom ende der geschichte

von einer geschichtslosen gegenwart
die ganz geschichtsvergessen nur mehr noch
unendlich mehrwert organisieren möchte
und statt befreiungskampf
nur noch den konkurrenzkampf kennt

who owns history
denkt sich das autor hie und da dann
wer darf wie von dieser von
unserer geschichte berichten
wer darf hier wir sagen wo beginnt
wo endet wessen geschichte wo beginnt
wo endet
wir

geschichte freilegen
ist eigentlich nie schmerzfrei

das fängt bei der eigenen an
und endet im globalen

aber diese wendungen

an denen etwas freigelegt wird
interessieren mich

denkt sich das autor

da wird etwas sichtbar
da tritt etwas zutage

ghostly

gespenstische wendungen
in denen existieren dann auch figuren
aber eher als zeuginnen
oder berichterstatterinnen oder erzählerinnen
oder eben gespenster

spuren von geschichte die nur
in der kollision von verschiedenen zeiten bildern
geschichten sichtbar werden

verschneidungen
montagen
überlagerungen
collagen
überblendungen
übermalungen
rekompositionen

ich habe eine manische sehnsucht nach geschichte

nach dem glauben in die
vollumfängliche veränderung der welt
anhand der spuren der vergangenheit

und schreiben wäre dann
spurensuche
archäologie
wühlen im sediment
quellenkunde

um die gegenwart lesbar zu bekommen

diese gegenwart
die einem in ihrer posthistorischen geläufigkeit
schon so selbstverständlich erscheint
so erschöpfend ausweglos
diese gegenwart
die die geschichte zum fenster hinausgeschmissen hat
und alle probleme der geschichte
auf einmal zurückbekommen hat

diese gegenwart

die sich so bescheuert
natürlich
und
alternativlos
gibt

die sich so
unerträglich
vorhersehbar gibt

die sich so unerträglich
endlos
unendlich
ewig
gibt

die nun aber einmal
nicht essentiell
präexistent
seit jahrtausenden
existierte sondern

ein produkt der letzten dreißig jahre ist
solange läuft sie jetzt
die lange nacht der freien märkte
die zwischenzone mittlerweile
weil die märkte eigentlich sich selbst schon
an den rand des zusammenbruchs hin manövriert schon mehrfach

aber egal
wir halten alles hier am laufen

das gebietet die natur
der märkte(37)

in deren sediment will keiner
eingreifen wer weiß
was dann passiert

wir wissens nicht wir
trauen uns ja kaum noch fragen wir
warten hoffen halten still
in unseren hochleistungskunstmaschinen
während wir keine freizeit
keine veränderung
keinen sinn
mehr haben
uns die wohnungen nicht mehr leisten können
aber etwas machen was uns vermeintlich singularisiert
und stattdessen amortisieren wir vor uns hin

in the future
everyone will be famous
for fifteen people

wie momus mal prophezeit hat
egal

zurück zum wesentlichen

zurück zu den wendungen

(einschub
natürlich liebe ich gute figuren
ich binge watche gute figuren rauf und
runter in atmosphärisch dichten bildern binge ich
sie alle und habe soviel von eve polastri buffy
und walter white gelernt über figuren
über schlaue wendungen kluge umbrüche
all diese filmfiguren diese erzählerinnen flaneurinnen
nachdenkerinnen
niemand will euch übles
aber im theater interessiert mich etwas anderes
da interessiert mich das sprechen
die körper
die präsenz
das konzertante setting
der gemeinsame akustische raum
die schwingung der stimmlippen
die geteilte zeit
die dauer
die konfrontation
pardon
all ihr meine lieblingsfiguren)

mich interessieren figuren
als wendungen in sätzen

strophe
gegenstrophe

fertig

figur

moll ist eher traurig
dur ist eher glücklich

blue notes sind super fürs solo

und ein dicker noisiger synthiechor fürs finale

c'est ça

brauche ich auch keine psychologie
niemand muss drüber nachdenken was irgendwer zum frühstück hatte
alle die hier und jetzt im raum sind
können zuhören und mitreden

wie ein konzert
der stimmen

leicht muss es bleiben
leicht und präzise

man kann die texte singen oder damit etwas anderes anstoßen
oder borderline prozessionen damit füllen
ohne mir was davon zu sagen
oder was auch immer

man muss da nichts verkörpern

und gleichzeitig ist das das schönste am theater
verkörpern
und ich meine nicht etwas
sondern den vorgang
das ist doch
dieser wunderbare widerständige vorgang an sich
im zentrum eines jeden abends

das verkörpern

das inkorporieren

sprache wird inkorporiert wird verkörpert

und die verkörpernden körper
hintergehen die präsenz
sie hintergehen erwartungen
sie hintergehen die grammatik
sie hintergehen sich selbst
sie hintergehen mich und
sie hintergehen ihr funktionieren
sie hintergehen und
sie gehen von hinten auf die bühne
und da passiert etwas
auf diesem weg zur bühne

hinter der bühne
die ersten schritte
auf dem weg zur bühne

während ich hier sitze und all das schreibe
da passiert etwas

auf dem weg zur bühne

da werden diese körper zu nomaden
da beginnen diese körper zu wandern
zwischen körpern zwischen räumen zwischen sätzen
zwischen identitäten
zwischen authentizitäten
zwischen welten

die werden einfach etwas anderes
diese körper
auf dem weg zur bühne

während ich hier sitze werde ich
etwas anderes da lösche ich mich aus

auf dem weg zur bühne
da schmeiße ich mich weg

auf dem weg zur bühne
da streiche ich mich durch

auf dem weg zur bühne

während ich satz für satz
zwischen fingern und tastatur aushandle
da werde ich etwas anderes da
werde ich dieser körper auf dem weg
zur bühne da werde ich diese
luft zwischen den schwingenden stimmlippen

und da streiche ich mich aus der welt heraus
und werde diese körper
während ich hier sitze
auf dem weg zur bühne

und diese körper tun sovieles
was diese binge-figuren nicht können
die immer auf ihre vermeintliche echtheit hin
überprüfbar bleiben müssen

und dann können sich diese körper
endlich auf die wesentlichen dinge
auf der bühne konzentrieren

mit diesen sätzen
gegen die wand zu arbeiten
widerstand sein

haltung zeigen
und das heißt allerdings alles noch lange nicht

dass es nur zwei formen gibt
dialoge oder flächen

wie das armeen von fachleuten
sich das oft so vorstellen

post oder prä

es gibt nur cool oder uncool
und wie man sich fühlt

das hier
sagt sich das autor
ist keine fläche

das hier
ist weder post noch prä

präzise von mir aus
das wär mir wichtig

hier tritt eine stilvolle wendung auf

eine geformte komposition

die jederzeit in
eine figur umschlagen könnte

die nur ein ziel hat

offen zu bleiben

für das was kommt 

 

 

//

 

 

you'd think the world was ending
you'd think the world was ending
you'd think the world was ending right now

well maybe you should just drink a lot less coffee
and never ever watch the ten o'clock news
maybe you should kiss someone nice
or lick a rock
or both
maybe you should cut your own hair
cause that can be so funny
it doesn't cost any money
and it always grows back

hair grows even after you're dead

regina spektor - ghost of corporate future 

 

 

//

 

 

plötzlich ist es nacht geworden

einfach so

hier und jetzt

und ich habe es nicht gemerkt

sagt sich das autor

ich habe es wirklich nicht mitbekommen

sagt es sich

die schönste zeit des tages

denkt sich das autor
das hier noch vor diesem bildschirm sitzt und schreibt

stunde um stunde

playlist für playlist

ambient und minimal
electronic und experimental
alles durchgelaufen
playlist für playlist

und ich hab schon wieder den anderen in mir verpasst

denkt sich das autor

und die playlist macht einfach weiter

allein
aber nicht einsam

und unterwegs war der irgendwo
dieser sound
dieser rhythmus

da war irgendwo die genau passende
melodie

für diesen text

und der text
hat diese
melodie
gefunden oder
die melodie hat den
text
gefunden

wie auch immer

irgendwo
unterwegs haben die einander gefunden

und dieser sound ist soviel relevanter
als jeder inhalt jedes thema soviel
bedeutsamer als politik

gerade weil er hochpolitisch ist

man muss das einfach hier für alle zeiten einmal
hinbetonieren

sound
ist
politisch

und ich bin eine advokatin von sounds

ich bin vertreter einer melodie

angehörige eines rhythmus

vertreter von gesängen

ich notiere
strophen

füge refrains hinzu

und arbeite mit wiederholungen

da wird zuerst chorisch herumgeschrien so
regietheaterspackomäßig und
der nächste track ist dann
ein solo
ein langes

ein viel zu langes

das den körper der spielenden person heimsucht
und beschäftigt weil
diese sprache nämlich nicht einfach so
gesprochen werden kann
sondern gegen den körper arbeitet

und der muss damit erstmal konfrontiert werden
dieser körper
mit dieser sprache

und dann reiben die sich
blockieren sich

viel zu lange texte für menschen
die erst in der erschöpfung vielleicht zu sich kommen

die erst mal die kontrolle über diese
an die welt und ihre verhaltensmuster
gewöhnten körper verlieren müssen

über ihren sprechapparat

über die beziehung zwischen den grammatikalischen
regeln und ihren körpern

über ihre sedimentierten bewegungen
ihre sedimentierten haltungen
ausdrücke und regungen

dieses ganze gesellschaftliche sediment
muss einfach mal aufgewühlt werden
von grund auf

mit sperrigem material
widerständiger sprache
langen texten

und an dieser sprache reiben sich die körper
die reiben sich da dann dran auf

die kommen an dieser sprache in bewegung
die geraten in schwingung

die wollen auch einfach gesprochen werden
geschrien gesungen diese texte

denkt sich das autor

das sind texte
die man halt laut sprechen muss
mit denen man arbeiten soll und muss
die mit körpern in verbindung gebracht werden wollen
die aus einem problem heraus entstanden sind
und sich jetzt weiter über dieses problem
unterhalten

und auch das muss man hier ein für allemal
hinbetonieren

das sind texte für spielerinnen

spielerinnen in allen bereichen

spielerinnen auf der bühne
spielerinnen in der bühne
spielerinnen im kostüm
spielerinnen im video
spielerinnen in der musik
spielerinnen im tanz
spielerinnen im puppenspiel
spielerinnen in der bildenden kunst
spielerinnen die nichts mit dem theater zu tun haben
und von mir aus auch spielerinnen in der regie

texte für menschen die damit arbeiten wollen
weiterarbieten
weil niemand hat für alles eine lösung
aber man versucht halt die fluchtwege offenzuhalten
und dann kann man ja von da aus zumindest weitergehen

mitgehen
mitlesen
mitreden

texte für menschen
die da zeit mit verbringen wollen
mit diesen texten

lebenszeit
ihre ganz eigene
ganz konkrete zeit

texte die ich als resultat meiner eigenen
lebenszeit verfasst habe und die
ich betone ich betoniere es erneut

nicht zum anschauen da sind

dazu sind die nicht geschrieben

nicht für das autor
nicht für das ego
nicht für das ruhm

weil

fond caresses from news paper presses
won't warm you in winter nights(38)

sondern um fortzuführen was
andere gedacht gesagt geschrieben
gesungen haben

und so wie das autor
zeit verbringt mit anderen texten
und deren fragen

stellt das autor texte her
die diese fragen fortführen
und andere fragen anstoßen sollen

damit andere damit weiterarbeiten
und diese texte benutzen

und vielleicht vielleicht vielleicht wäre da auch
eine andere ethik möglich
in der ein auf seinen untergang zurasendes
mehrwert produzierendes system
und das darin lebende singularisierte individuum
mitsamt der ihm zugehörigen leeren gegenwart
irrelevant werden
eine sym-poietische ethik die sich gerade jetzt
im angesicht natürlicher (schwieriges wort ich weiß)
und geopolitischer umwälzungen darum dreht
was man anderen einmal hinterlassen möchte

deshalb diese texte
denkt sich das autor
spätnachts

deshalb

quality time
mit toten aller art 

 


//

 

 

this 17-year-old girl from hunan
screams as if a boulder oppresses her in her sleep
her screams buried deep in her blood burst out
shaking the whole dorm between her breathing and screams

her screams in her dreams are this industrial epoch's slow
hidden pains accumulating and exploding

 

zheng xiaoqiong – 周阳春 / zhou yangchun
übersetzung zhou xiaojing 

 


//

 

 

es gibt also
geister

und sie sind hier
mit uns
im raum

sie strukturieren ihn
diesen raum
selbst dort wo man sagt
dass er leer sei
spüren wir sie

gespenstische materie

hysteresis

stabilisierung des habitus
durch zeichen
worte gesten blicke
strukturen

stabilisierung der macht durch

wiederholungen
iterationen
identitäre missverständnisse

stabilisierung der macht durch

die ewig gleiche erzählung
die ewig gleiche naturalisierung
die ewig gleiche essentialisierung
die ewig gleiche vereinsamung
durch die ewig gleichen identitären projekte
die keinen ausweg zeigen
nur eskalation und loneliness

jedem sein kampf

everyone will be famous
for fifteen people

stabilisierung der macht durch
konkurrenzorientierte vereinsamung
durch
diese ewig gleiche rhetorik einer geschichtslosen welt
voll mit geschichtslosen individuen
die sich um die letzten plätze prügeln
und längst schon nicht mehr davor zurückschrecken ihre körper ihre
identität ihre träume als mittel im großen
kalten bürgerkrieg der gegenwart
im konkurrenzkampf
zu benutzen

all diese mächte
die uns heimsuchen
verfolgen formen konstruieren
schaffen erzeugen

all diese ghostly powers
die durch uns hindurch weiter
sprechen

die schreiben und schreiben und schreiben und schreiben
diese unendlich schöne welt die vor unseren augen verheizt wird
für die ewig gleiche geschichte
von ausbeutung zerstörung profitmaximierung

collateral damage

the hopes created
by postwar electronica or
by the euphoric dance music of
the 1990s have evaporated – not only
has the future not arrived
it no longer seems possible(39)

möglichkeiten
die uns im erzählen heimsuchen
weil jedes erzählen immer wieder
die konstruiertheit aller erzählungen
offenlegt im stottern im versuchen etwas in worte zu fassen
händeringend und dann war das und das war so und so

weil jedes erzählen
die geschichte erneut aufreißt
erneut fragt was war da eigentlich
woher kommt dieser begriff
woher kommt diese geschichte
woher diese überzeugung

woher kommt macht

deshalb heißt schreiben immer
die toten aufsuchen

heißt schreiben immer
die geister hereinlassen

heißt schreiben immer
sich diesen geistern auszusetzen

es heißt
das verschwinden zulassen

es heißt
die toten sprechen lassen

und sie treten auf
und wie sie auftreten

und sie sprechen
und wie sie sprechen

und sie fluchen
und wie sie fluchen

und sie klagen
und wie sie klagen

sie treten hier auf
einer nach dem anderen
auf dem weg zur bühne
verkörpernde nomaden
zwischen den zeilen
entkorken noch eine flasche
geben noch einen aus
in der krypta
bei der weinverkostung
und werden nochmal greifbar spürbar
für uns

ghosts
that
matter

quality time
mit all den geistern

sie erzählen ihre geschichten
und im erzählen
da passiert etwas
da halten die uhren an da
hört der hund auf
das rad anzubellen

im murmeln der toten da sehen wir was für einen moment
womöglich nur für diesen kurzen augenblick
in der kollision winzigster teilchen da
wird eine spur sichtbar im erzählen
und dann war das und dann war das und dann war das
und für einen moment sind sie dann sichtbar
die toten
und die spuren dessen

was sie hinterlassen was
wir einmal hinterlassen haben werden

im gemurmel der toten
unsere eigene verantwortung

das gemurmel der toten
echo aus der zukunft
unser gemurmel

das heißt es nämlich
das schreiben

es heißt
sich an den tod herantasten
an den tod heranschleichen(40)

es heißt sehen
dass alles hier nur
eine wendung eine drehung im verschwinden ist

es heißt sehen
dass ich nur in der auslöschung
durch das ganz andere überhaupt existiere
als figur als wendung kurz
im vorbeigehen hier da neben dir
die du mich auslöschst durchstreichst ermöglichst kurz
im satz

es heißt das verschwinden akzeptieren
das eigene

und völlig unfähig dazu sein
das verschwinden zu verstehen

es heißt das verschwinden sogar voraussetzen

obwohl man es nicht begreift
dieses verschwinden

es heißt
zurücktreten

für die sprache
für den text
streicht man sich durch

und kann dann endlich ganz in ruhe
von sich selbst erzählen

als dem ganz anderen
den ich sowieso wieder verpasse

denkt sich das autor

und es heißt die anderen sprechen lassen
die wir sowieso verpassen
aber deren spuren hier noch überall im raum
sind

deren spuren im sediment sind

deren spuren das sediment sind

über das wir gehen

darin wir gehen

in dem wir sprechen

das sediment all dieser anderen
in unseren körpern

in diesen unseren körpern
die voll sind mit den spuren all
dieser anderen
dieser toten

dieser zukünftigen toten
die wir einmal gewesen sein werden

für die wir das hier überhaupt alles machen

die geschichte ist noch nicht vorbei

die geschichte und die zukunft

die wissen

dort wo es macht gibt
gibt es widerstand(41)

 


//

 

 

i do wish we could chat longer
but i'm having an old friend for dinner

 

the silence of the lambs 

 


//

 

 

merci merci
für die einladung an

eva-maria voigtländer und die hfmt hamburg

dank an avery f. gordons schönes buch
ghostly matters
und merci an maria huber
die mir das empfohlen hat

merci außerdem allen genannten im text
in den fußnoten
und allen zwischen den zeilen

und vor allem

dank an all die geister die einen die ganze zeit so begleiten
mit denen man zeit teilt
gespräche ideen gedanken räume und so weiter
die einem räume zur verfügung stellen einem auf die finger klopfen
hinterfragen und hie und da auch wieder aufrichten

nix wär hier ohne euch

auf bald

(musik war natürlich auch mit im spiel hier
einiges von ian william craig
bißchen tim hecker hie und da
und dazwischen das gigantische fantas von caterina barbieri) 

 


//

 

 

ps

weil ichs darf
denkt sich das autor

weils mein text ist

hier noch ein postskriptum zugeflüstert von einem
guten gespenst von bifo berardi

we have to deconstruct the naturalization
that capitalism has imposed on our life

and poetry is the preferred tool for doing that

we have to disentangle the autonomous life of words

poets can do that
this is their job

it's a job that they have to do in the streets
among the children

besser könnt ichs auch nicht sagen

jetzt aber wirklich ciao und
auf bald

 

_______________

 

 

(1)  jacques lacan, seminar x die angst, wien 2010, s 115

(2) ferdinand griffon 'pierrot' in "pierrot, le fou" von jean-luc godard, 1965 einem blinden französischen filmwissenschaftler zufolge entstand der gesamte film aus diesem satz den godard in einem bus gehört hatte und mehrere wochen vor sich hinmurmelte bis aus dem gemurmel eine figur bzw eine situation gewachsen war mehrere filmtheoretiker widersprechen dieser these die nicht belegbar ist und bis heute zu spekulationen über godards gemurmel veranlasst bzw der frage ob es dieses
gemurmel überhaupt gibt und was die relevanz dieses gemurmels für die kunst im 20. jahrhundert bedeuten könnte

(3) so der titel von d.f.w.’s biographie
der sich auf ein zitat aus einem brief aus dem jahr 1986 an seinen studienkollegen bezieht
ein zitat dessen herkunft im übrigen nicht ganz klar ist
dem autor der biografie, d.t. max, zufolge taucht es in einem entwurf zu "the pale king" auf damals
noch "sir john feelgood" genannt das eigentlich von pornographie handeln sollte und einem
finanzamtsangestellten namens drinion der als eine art virtual body double arbeitet - andere können
ihre körper auf seinen projizieren und sich selbst im porno zusehen –
was erotischer für die kunden sein soll
drinion der diese filme mit anderen körpern über dem seinen sieht allerdings noch mehr vereinsamen
und abstumpfen lässt

(4) török, mária / abraham, nicolas kryptonymie – das verbarium des wolfsmanns urs engeler, 2008, török argumentiert bereits in ihrem artikel über trauer und fantasie dass unmögliche oder verweigerte trauer die unfähig zur graduellen vermittelten oder effektiven introjektion ist nur die möglichkeit der inkorporation bleibt fantasmatisch magisch bis halluzinatorisch.

(5)  "der schriftsteller erfindet innerhalb der sprache eine neue sprache
eine fremdsprache gewissermaßen
er fördert neue grammatikalische oder syntaktische mächte zutage
er reißt die sprache aus ihren gewohnten bahnen heraus und lässt sie delirieren"
deleuze, gilles / guattari, felix: kritik und klink, suhrkamp, 2000, s 9

(6) haraway, donna: symbiogenesis, sympoeisis and art science activisms
in tsing / swanson / gan / bubandt – arts of living on a damaged planet, 2017, M25-M51, s M25

(7) ebd s m45

(8) "der plural ist hier nicht eine vielheit von seiendem – er erscheint in sich selbst"
levinas, emmanuel – die zeit und der andere, 1984, s 47

(9) ich denke mir andauernd es
muss doch einen verflixten
tieferen sinn haben
dass das wort einsam
in dem wort gemeinsam vorkommt
das muss doch etwas heißen
es muss doch irgendetwas
bedeuten
was haben diese worte
gemeinsam
einsam
gemeinsam

(10) grüße gehen raus ans theatercombinat an die pizzen auf long island
ans kartographische institut
an diese tonnen von türkisen vorhängen
die ich mal nachts aus düsseldorf mit 60 km/h durch
einen schneesturm nach wien gefahren habe

(11) der indische essayist und romancier amitav ghosh
weist in dem buch
die große verblendung
darauf hin dass wir uns den klimawandel
und die zukunft nicht vorstellen können
und keine literarischen formen dafür besitzen
weil sich die e literatur im 20. jhdt. auf die erforschung
des individuums konzentriert hat und alles
was mit technik und auch naturwissenschaft zu tun hatte
in der u literatur landete als science fiction
das ist momentan die krise
unserer vorstellungskraft
die welt brennt die rohstoffkriege laufen an und man liest halt nochmal die perser

(12) und das gerade im angesicht bedrückender natürlicher
und geopolitischer katastrophen vor der haustür
für die euch worte und formen fehlen
weil eure klassik auch
das so nicht am schirm hatte

(13) mark fisher, capitalist realism, zero books, 2009, s 1

(14) lefebvre henri, the production of space, oxford, 1991

(15) über die zusammenhänge zwischen kulturindustrie
rechtsruck und dem literaturbetrieb auch ein empfehlenswerter text das hydra manifest der gruppe
nazis&goldmund
http://www.nazisundgoldmund.net/events

(16) bernice johnson reagon, coalition politics - turning the century, in:
barbara smith, home girls - a black feminist anthology, new york, 1983, s 359

(17) hark, sabine: koalitionen des überlebens queere bündnispolitiken im 21. jahrhundert wallstein 2017

(18) judith butler, raster des krieges, frankfurt, 2010, s 37

(19) und ich habs ja schon oft gesagt und wiederhole es auch hier
ich hatte viel mehr mit tanz zu tun als mit theater
als ich angefangen habe zu schreiben
weil dort text erstmal eine andere autonomie
im verhältnis zu den körpern besitzt die nicht
auf text angewiesen sind
und für diese gegenseitige autonomie im raum
eine sprache zu entwerfen fand ich sehr reizvoll

weil ja das schönste immer auf den bühnen war
zu sprechen
einfach so
für nichts und niemanden außer
für diese körper
und diese sprache

(20) ich hör immer die regie muss am haus rausfinden welche spielerinnen zu ihr passen
aber für texte gilt doch das gleiche man muss doch überhaupt mal checken wer mit welchen texten usw
und manchmal können leute ja voll gut mit einem text aber nicht mit der regie
was dann

(21) und am ende sagt ja keiner
"der text hätte interessant sein können
aber aufgrund von pragmatischen entscheidungen am haus bezüglich
der ausstattung des toten klassikers im großen haus
der nix mehr sagt weshalb alle viel geld reinstecken müssen
damit der wieder was sagt was wir aber eh schon wissen
wurde leider die konzeptionsarbeit zwischen regie und text
im vorfeld verschlafen jetzt gibts halt probleme weil
die besetzung keinen sinn macht und man mit der sprache im kleinen haus
einfach in 5 wochen nicht sinnvoll arbeiten kann usw"
nein
am ende steht da
"regie kriegt schwierigen text nicht in den griff" oder "text in sich unschlüssig"
wo eigentlich stehen müsste
"hört auf geld in die toten klassiker auf den großen bühnen zu stecken
und arbeitet sinnvoll mit euren autorinnen und autoren zusammen"

(22) einer der schönsten sätze den mir eine schauspielerin mal
nach einem gastspiel gesagt hat
"endlich kann man die sätze mal auf der großen bühne sagen
da ballern die erst so richtig
die sind einfach viel zu groß fürs kleine haus"

(23) mit einer kollegin einmal lange darüber gesprochen
darüber dass wir das gleiche hobby haben
auf theaterproben sitzen am vormittag
und schreiben
es gibt ein schönes haus hier in der stadt
wo sie das immer gemacht hat
diese von ihrer geschichte und all den stimmen heimgesuchten theaterräume sind wie bibliotheken
nirgends kann man so gut schreiben

(24) vor einiger zeit
saß ich einem intendanten gegenüber der an seinem kuchen herumnestelte und
mich mehrmals fragte ob ich denn wüsste was das heißt
mit schauspielerinnen zu arbeiten und ich wollte ihm wirklich helfen
und habe geantwortet ob ich es ihm beibringen soll ob er mich fragt
weil er tipps braucht oder so und ich war ein bißchen im stress weil ich hatte eine bauprobe
und hab ihm dann einfach mal so ein paar tipps für bauproben gegeben

es kam logischerweise zu keiner weiteren zusammenarbeit zwischen uns

(25) und ich wüsste gar nicht wo ich gelandet wäre
hätte ich nicht das glück gehabt
dass mich menschen wie maxi obexer claudia bosse oder chris standfest
auf ein theater ausgehend vom chor
und ein bestimmtes sprechen und denken auf der bühne hingestoßen hätten

(26) das schönste schreiben eigentlich meistens
wie zeichnen ein gestalten von worten
während man so vor sich hin sitzt und formuliert
die sprache landschaft werden lässt
quasi von selbst eher hie und da
ein bißchen was hinzufügt was wegnimmt
rausgeht einen kaffee trinkt überlegt
jemanden anruft wieder zurückgeht wieder was verschiebt
so wie brian eno die maschinen eine weile alleine laufen lässt
und dann hie und da einen filter variiert und wieder zuhört eine weile
rausgeht einen kaffee trinkt überlegt usw

(27) "der andere ist undurchdringlich, unauffindbar, unheilbar,
ich kann ihn mir nicht öffnen, nicht in seinen Ursprung eindringen,
das Rätsel nicht lösen."
barthes, roland – fragmente einer sprache der liebe
suhrkamp, 2015, S. 217

(28) ebd

(29) tocotronic, 2002 - schatten werfen keine schatten

(30) derrida, jacques - gewalt und metaphysik
in: die schrift und die differenz, suhrkamp 1972, s 187

(31) micdrop adorno: "die unwahrheit steckt im substrat von echtheit selbst, dem individuum"
minima moralia, suhrkamp, 1951, s 174

(32) bourdieu, pierre, sozialer sinn kritik der theoretischen vernunft, suhrkamp, 1987, s 117

(33) da stellt man dann durch
und hofft auf gutes licht

(34) zukunft als heimsuchung als geist
"die zukunft ist das, was nicht ergriffen wird, was uns überfällt und sich unser bemächtigt"
levinas, 1984, s 48

(35) diese kleinlichen advokaten des geschlossenen
die immer für alles eine begründung wollen die
dem offenen immer unterstellen unverstehbar zu sein
und sich auf ewig ihre kleinen geschlossenen formen wünschen
korrelieren (wieder einmal) mit dem aktuellen politischen begehren nach schließung und klaren
grenzen

(36) "figur ist eine auf einen bestimmten abschnitt beschränkte musikalische bewegung – sowohl in der
harmonik als auch in der melodie – welche mit einer clausel beginnt und in einer clausel endet, die
von der einfachen art der komposition abweicht und mit tugend eine verziertere haltung annimmt und
sich aneignet."
joachim burmeister, rostock, 1606, s. 55

(37) und es wird der größte witz des frühen einundzwanzigsten jahrhunderts sein dass am höhepunkt der
naturalisierung der ökonomie man dem klimawandel und dem kollaps der natürlichen systeme
achselzuckend gegenüberstand weil die neoliberalen thinktanks doch jetzt endlich erreicht hatten
dass man sich keine andere natur als die des kapitals mehr vorstellen konnte
als die des ewigen wachstums und dann kollabierten uns plötzlich die überbelasteten ökosysteme (aka
natur aber dieses ominöse wort haben wir uns ja jetzt für die ökonomie ausgeliehen)

(38) phantom/ghost – smashing new york times

(39) fisher, mark: ghosts of my life, zero books, 2014, s 21

(40) "mit den gedanken über dem staube stehen, das können wir vielleicht eine weile
aber wir können den schmerz nicht zum erlöschen bringen"
hans henny jahnn: fluss ohne ufer, band 2, hoffmann & campe, 1994 s 532

(41) foucault, michel: der wille zum wissen, sexualität und wahrheit I, frankfurt a. main, 1977 s. 96

 

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Kommentare  
Poetikvorlesung Köck: *in
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Poetikvorlesung Köck: das Leser
Das Autor darf sich aber auch mal fragen, warum das Leser seine Sätze nicht gern hört. Vielleicht, weil sie in erster Linie eitel sind? Und das Leser das merkt?
Poetikvorlesung Köck: drohende Beliebigkeit
das problem bei einer solchen art von text, so sehr ich den ansatz schätze, ist doch eine drohende beliebigkeit, alles steht neben allem. wenig wird spezififiziert. die avantgarde nur als mittel zum zweck, fast schon als allzu durchschaubare stilistische marotte.
dazu tatsächlich stellenweise eine eitelkeit (einmal saß ich mit einem intendanten... was soll mir das erzähöen bitte?), die den blick auf wesentliches, was leben und kunst ausmacht, doch eher verhindert. tausend textbezüge und verweise (oho, derrida, barthes) verursachen doch nur eine mühsamm zu lesende überintellektualisierung. dann bitte mehr witz!!! auch auf eigene kosten.
ich schätze den ansatz, aber hier führt er meiner meinung nach ins leere.
(zumal ich es fundierter ähnlich bei w.lotz gelesen habe)
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