In Alptraumschleifen

30. Oktober 2022. Woyzeck, das ist bei Georg Büchner jener arme Teufel, gequält und ausgebeutet, der am Ende zum Messer greift und seine Freundin ersticht. Lucia Bihler nimmt das beim Wort, setzt den Figuren Hörner auf und schafft einen psychedelisch-hypnotischen Trip zwischen Gothic, Gewalt und Geisterbahn.

Von Katrin Ullmann

30. Oktober 2022. Drei Uhr. Die Zeit zum Töten. Lautlos betritt Woyzeck den kleinen Raum: "S’ist Zeit, Marie". Kalt und entschlossen spricht Josef Ostendorf als Woyzeck diesen Satz, später ruhig und knapp, noch später leise, winselnd, weinend. Mal hebt er anschließend das Messer an und ersticht Marie, mal hebt er das Messer an und ersticht sich selbst, mal legt er das Messer ruhig auf den Tisch. Erschöpft und vornübergebeugt verlässt er danach den Raum. Ein letztes Schütteln geht durch Ostendorfs gewaltigen Körper. Und Marie? Vorsichtig schaut sie, gespielt von Bettina Stucky, hinter die Türen. Schaut, ob dort nicht doch noch eine weitere Wiederholung lauert. Schaut und atmet hörbar erleichtert aus.

Von den armen Teufeln

Als Endlosschleife inszeniert Lucia Bihler die Geschichte des Woyzeck. Als Versuchsanordnung in einer fiesen Guckkastenzelle. Mit Schallschluckern ist dieser Raum von Pia Maria Mackert ausgekleidet. In fast unerträglichem, hellblassen Rosa. In seiner Mitte stehen ein kleiner Tisch und zwei Stühle, an der Decke leuchtet liebloses Praxislicht, das die Schauspieler*innen blass aussehen lässt, und hängt ein Ventilator, der sich rastlos in den Wahnsinn dreht. An der Wand eine Küchenuhr. Neun Uhr, vier Uhr, zehn Uhr. Drei Uhr. Die Zeit zum Töten. Lautlos betritt Woyzeck den kleinen Raum: "S’ist Zeit, Marie". Davor, dazwischen und immer wieder sieht man ihn verzweifeln. Sieht man ihn durch sein geschundenes Leben stolpern.

Woyzeck Aurin2 uRasiert wird auch im Alptraumsetting: Paul Behren, Josef Ostendorf © Thomas Aurin

In Georg Büchners auf historischen Fakten basierendem und etwa 1836 verfassten Stückfragment ist dieser Woyzeck ein Soldat, getrieben von Existenzängsten. Aus Geldnot lässt er sich zu medizinischen Versuchszwecken missbrauchen, wird gedemütigt, von seiner Marie betrogen, wird wahnsinnig, wahnsinnig eifersüchtig und zum Mörder. Woyzeck, das ist ein Mensch, der vom System zerstört wird. Woyzeck, das ist, wie es im Stück heißt, ein "guter Kerl" und "armer Teufel".

Wie ein verschüchterter Schüler, der zu Wort kommen möchte

Nahezu wörtlich scheint Lucia Bihler diese Figurenbeschreibung zu nehmen, wenn sie ihrem Woyzeck (und auch allen anderen Figuren) kleine Teufelshörner aufsetzt, was sie schon öfters probiert hat, etwa in Iphigenie und Törleß, was aber hier besonders sinnstiftend wirkt. Mit grotesk rot ummalten Augen, kunstblond gefärbten Haaren und Lineal-langen Fingernägeln taumelt Ostendorfs Woyzeck durch sein Leben. Und auch wenn es schwerfallen mag, sich einen so wuchtigen Schauspieler wie Ostendorf taumelnd vorzustellen: Er taumelt grandios! Er ist so zerbrechlich wie klein, so zittrig wie eifersüchtig, so verzweifelt wie unterwürfig. Weich sackt sein starker Nacken weg, sinkt sein Kopf matt auf die Brust. Zaghaft hebt er einen zittrigen Finger, so wie ein verschüchterter Schüler, der zu Wort kommen möchte. Langsam, aber sicher zuckt er sich von Demütigung zu Eifersucht zu Gewalt.

Während Bettina Stuckys wunderbar eigenwillige Marie sich kraftvoll und wild tanzend ins Leben stürzt; der eitel vorbei spazierende Tambourmajor (Paul Behren als einziger mit stolzen Bock- statt Teufelshörnern auf dem Kopf) lässt ihre Augen glänzen und ihren Körper beben.

Ein eindringlicher, surrealer Abend

Trotz aller Empathie für ihre Figuren inszeniert Bihler das Stück erst gegen Ende psychologisch. Mit Johannes Cotta (live am Schlagzeug, grandios!) schafft die Regisseurin mit vielen knapp skizzierten Szenen und gelungen enervierenden Repetitionen und Schluss-Variationen (Stückfassung: Lucia Bihler & Mats Süthoff), einen sehr präzisen und grimassierend gruseligen Abend über das Teuflische im Menschlichen – einen psychedelischen Trip irgendwo zwischen Gothic, Gewalt und Geisterbahn. Gerade so, als habe Bihler Andreas Kriegenburgs drastische Bildwelten mit Michael Thalheimers puristischem Minimalismus zu einer Horrorstudie verquirlt. Die überzeichneten und hauptsächlich popelgrünen Kostüme von Belle Santos und die treibenden, die Bühnenaktion teils comichaft illustrierenden Beats tun ihr Übriges.

Woyzeck Aurin3Die Blut-Marie: Bettina Stucky © Thomas Aurin

Auch wenn die Absicht – das zumindest lässt das Programmheft vermuten – womöglich eine andere war: Lucia Bihler erzählt in ihrem eindringlichen, surrealen Abend weniger von Femizid und Exit-Stategien als von schicksalhafter Determination, Alptraumschleifen und auch von einem Funken Hoffnung. Am Ende sitzen Marie und Woyzeck leise traurig am Tisch. Die Wanduhr steht auf drei. "S’ist Zeit", sagt Woyzeck. Und legt das Messer weg.

Woyzeck
von Georg Büchner
in einer Fassung von Lucia Bihler und Mats Süthoff
Regie: Lucia Bihler, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Belle Santos, Video: Florian Schaumberger, Licht:Susanne Ressin, Musik: Johannes Cotta, Dramaturgie: Mats Süthoff.
Mit: Paul Behren, Ute Hannig, Matti Krause, Josef Ostendorf, Bettina Stucky; Schlagzeug: Johannes Cotta.
Premiere am 29. Oktober 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

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Kritikenrundschau

"Hier fährt ein Klassiker gegen die Wand", konstatiert Peter Helling im NDR (30.10.2022). In keiner Sekunde werde klar, was Woyzeck zum Täter werden lässt. "Damit wirkt auch der Mord an Marie läppisch. Hier aber, da wird Lucia Bihlers Regie so richtig schön moralisch, befreit sich Marie in der gefühlt hundertsten Wiederholung aus ihrer Rolle als Opfer. Und geht, souverän lächelnd, von der Bühne. Schön wär's."

Im Hamburger Abendblatt (1. November 2022) schreibt Annette Stiekele: "Biehler hat Gespür für Details und eine Liebe zu ihren Figuren. Sie erschaffe eine "beklemmende Welt, in der Attribute wie Hauptmann oder Soldat nur mehr Behauptung sind". Doch: Es sei das "Privileg der Jugend" mitunter zu viel zu wollen, meint die Kritikerin. Die Regisseurin rühre zu vieles in einen Topf und vernachlässige darüber den Inhalt. Die Motivation des Dramas bleibe "unbefriedigend offen".

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Woyzeck, Hamburg: Richtig gutTheaterfreundin 2022-11-02 11:24
Vielen Dank Frau Ullmann für Ihre Kritik, die weitestgehend auch meine Sicht auf diese Inszenierung formuliert. Ich las auch weitere Kritiken und bin bei Gesprächen im Foyer und ausserhalb des Theaters, sogar an der Ubahnstation verblüfft, wie provokativ und polarisierend diese Woyzeck Aufführung auf das Publikum wirkt. Woyzecks Handlungen sind schlüssig präsentiert und absolut nach erlebbar. Es hat ein erfundenes durchaus interessantes Ende, dass er sich nicht dem Ausagieren seiner Wut aus Ohnmacht hingibt, sondern seine Verzweiflung zeigt, sich Marie offenbart und nach einem angedeuteten Gespräch mit Marie hinnimmt, dass diese Beziehung zu ihr gescheitert ist, sie aber nicht dafür sterben muss. Auch erkennt und spürt man als Zuschauende doch körperlich, durch das präzise Spiel aller Darsteller, wie beschämend und erniedrigend die Umwelt auf Woyzeck einwirkt, wie erbarmungslos sie seine Not Geld zu verdienen auf Kosten seiner Gesundheit und Abhängigkeit ausnutzt. Man leidet in diesem sich ewig zu wiederholenden Teufelskreis der emotionalen und körperlichen Gewalt mit. Mich hat diese Bühne als eine Art Schaubude oder Kasperletheater mit diesen überraschend grellen Kostümen und dem betörenden Licht im Bann gehalten. Das stille hoffnungsvolle Ende, einmal ohne Mord, berührt.
Offene Fragen, wie: „Und was ist mit dem Kind?“ stellen sich ja automatisch und lassen den nächsten Trauma bildenden Kreisel erahnen.
Mich wundert bei der Betrachtung ausserdem, dass nicht auffällt, dass hier zwei korpulentere Schauspieler die Hauptrolle spielen. Ist das die Zumutung, die manche ZuseherInnen empfinden? Es ist genau das aber sehr selten auf der Bühne, passt aber auch gut in diesem Zusammenhang in die in der heutigen Zeit üblichen Abwertungen, die Korpulenteren Menschen allgegenwärtig ist. Oder nur, dass alle Protagonisten Hörnchen auf dem Kopf tragen und eben alle zur Familie der Teufel gehören? Herr Ostendorf spielt genial und Woyzecks Ohnmacht sich verbal gegen diese eloquenten Herren nicht wehren zu können, obwohl er die Ungerechtigkeit durchschaut, kann er so variationsreich in diesen kurzen Szenen zeigen. Der Wahn, die Psychose in die er durch das medizinische Experiment getrieben wird ist erfühlbar inszeniert. Wir bewegen uns in diesem Woyzeck in seiner Qual und einem scheinbar unentrinnbaren Kreisel, die bei Büchner die Gewalt provoziert. Frau Bihler wirft auch einen deutlichen Blick auf die Schaulust der Gesellschaft auf Mord vor allem an Frauen (Man zähle einmal die hübschen aufbereiteten Frauenleichen üblicher TV Produktionen) dem Ergötzen des Dorfes am Grusel und dies sehr deutlich und direkt. Der Inszenierung damit Oberflächlichkeit zu unterstellen, oder das Woyzecks Verhalten nicht ausgearbeitet sei, wie auch kritisiert wurde, erschließt sich mir nicht.
Für mich crasht Bihlers Aufführung die üblichen Erwartungen an eine Inszenierung von Woyzeck. Und das finde ich richtig gut für das Theater.

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