Publikumsschwund wegen Gendersternchen?

2. November 2022. Das Schauspielhaus Zürich ist in den letzten Wochen in die Schlagzeilen geraten. Ist das Haus "zu woke" für sein Publikum? Die Intendanten kontern die Kritik und geben den Blick frei: auf Theater in Umbrüchen, die die ganze Gesellschaft betreffen. Eine Spurensuche.

Von Valeria Heintges

2. November 2022. Wer den Überblick behalten will über die Diskussionen, die rund um das Schauspielhaus Zürich ablaufen, muss einen kühlen Kopf bewahren und Zeit mitbringen. Allein die Lektüre der Artikel, die die Debatte zuletzt befeuerten, dauert Stunden. Darin gehen Themen ineinander, die zum Teil nichts miteinander zu tun haben. Ein Gang durch das Dickicht in sieben Schritten.

Schritt 1: Die Geißel Publikumsschwund

Wie alle Theater wurde auch das Schauspielhaus Zürich von Corona gebeutelt. Für die Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg war nach einem intensiven Start im Sommer 2019 schon im Frühjahr 2020 wieder Schluss; es folgte eine Zeit mit geschlossenen Häusern, einer Auslastung von 50 Prozent, Höchstgrenzen von 50 oder 100 Zuschauenden und krankheitsbedingten Vorstellungsausfällen. Zahlen wie eine Auslastung von 90 Prozent in der Spielzeit 2020/21 oder von 61 Prozent in der Saison 2021/22 sind da nur wenig aussagekräftig. Im Frühjahr 2022, als immer wieder Vorstellungen ausfielen, wurden die Abonnenten aufgefordert, ihr Abo zu verlängern. Die Folge: Nur 72 Prozent machten das.

In Bern (91%), Basel (96%) oder an der Zürcher Oper (96%) waren die Rückläufe viel besser. Warum trifft es das Schauspielhaus härter? Weil es das einzige reine Sprechtheater in dieser Reihe ist? Weil das Programm nicht gefiel? Die Corona-Folgen treffen alle, in der Schweiz besonders auch die Musikszene und die Kinos. Aber erklären sie die schlechteren Abo-Rückläufe? Milo Raus 'Wilhelm Tell' oder Nicolas Stemanns 'Ödipus' sind derzeit gut besucht, aber etwa in Yana Ross' "Reigen", einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, oder in Christopher Rüpings "Border" bleiben viele Plätze leer. Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) stellte sich am Montag hinter den Kurs von Stemann und von Blomberg. "Bei jedem Wechsel der Intendanz kann es Einbrüche geben. Das ist normal", sagt sie in einem Interview mit dem Zürcher "Tages-Anzeiger"(€).

Schritt 2: Wokeness als Schimpfwort

FDP-Gemeinderätin Yasmine Bourgeois hingegen fordert im Stadtrat genauere Zahlen über die letzten fünf Jahre und will wissen, welche wirtschaftlichen Konsequenzen sich ergeben. Sie wird erfahren, dass sich die absoluten Besucherzahlen zwischen 25.372 (Coronajahr 2020/21) und 147.500 (2017/18) bewegen. Auch über lange Jahre ist keine Tendenz erkennbar; höchstens dass die Spitze von fast 170.000 Zuschauer:innen 2010/11 schon recht lange zurückliegt. Doch Bourgeois kennt des Übels Ursache bereits: "Der woke Einheitsbrei vergrault die Zuschauer", sagt sie in der NZZ.

"Es kriselt im House of Wokeness" schrieb auch ein Literaturredakteur (!) der NZZ am Sonntag (€) und wunderte sich, dass das Haus nach Diversitäts- und Inklusionskriterien ausgerichtet werde, aber es kein Stück für Kosovo-Albaner gebe. Eine Woche später schreckte der Redakteur der "Sonntagszeitung" vor fremdenfeindlichen Formulierungen nicht zurück und schrieb über "zwei deutsche Intendanten, die eben erst in die Schweiz gezogen waren" und sich für die "Zerstörung eines zeitgeschichtlich bedeutenden Zürcher Baudenkmals starkmachten". Gemeint war, dass sich die Theaterleute für einen Pfauen-Neubau aussprachen, weil das alte Theaterhaus modernen Ansprüchen nicht mehr genüge. Sie waren mit dieser Meinung nicht allein, mussten sich aber einer Volksabstimmung beugen, die gegen einen Neubau votierte.

Bullestress1 805 Gina Folly uSamira Graf, Fayrouz Gabriel und Pauline Avognon in "Bullestress" von Suna Gürler © Gina Folly

Ist die "Wokeness" schuld an halbvollen Zuschauerräumen? Nicht nach Meinung von Stadtpräsidentin Mauch: "Das sind Kampfbegriffe. Die Thematik wird politisch wie medial hochgekocht." Der Vorwurf ist auch aus nüchterner Distanz betrachtet nicht haltbar. Ausgerechnet Suna Gürlers antirassistisches Dokumentarstück "Bullestress" über Racial-Profiling bei der Polizei war meistens ausverkauft. Dabei hat das Stück nicht nur die Diskriminierung einer ganzen Berufsgruppe im Titel, sondern auch im Programmheft ein unangenehm oberlehrerhaft wirkendes "Diskriminierungskritisches Glossar", das noch den aufgeschlossensten Zeitgenossen verstummen lässt, aus Angst das falsche Wort zur falschen Zeit zu verwenden. Und der Vollständigkeit halber: Die klassischen Texte werden auf der Bühne nicht gegendert. Aber in der Ansprache des Publikums und in Publikationen legt man großen Wert auf inklusive Sprache.

Schritt 3: Mobbing

Die Sonntagszeitung nutzte auch indirekt Ensemblemitglied Sebastian Rudolph als Auskunftsperson, um Mobbingvorwürfe gegen das Haus zu erheben. In einem Artikel für "Theater heute" und einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte der Schauspieler über seine Beobachtungen geschrieben, dass sich in Proben mittlerweile zwei Herangehensweisen gegenüberstünden: Während die einen den "Denkraum aufmachen" wollten, sähen die anderen dort einen geschützten Raum, in dem verletzende Worte vermieden werden müssten. Rudolph wendet sich gegen "Mobbing, Verleumdung und Shitstorm" und ruft zu offenen Diskussionen auf.

Diese allgemeinen Vorwürfe richtete der Redakteur nun speziell gegen das Schauspielhaus, ohne Rudolph dazu zu befragen. Der fühlte sich missverstanden und distanzierte sich "von der verkürzten Darstellung meiner Aussagen". Stemann und von Blomberg sahen sich zu einem Statement genötigt gegen die "kampagnenhaften Züge" der Artikel. Sie "scheinen uns klar politisch motiviert: gegen Öffnungen, andere Repräsentationen und eine andere Verteilung von Ressourcen", schreiben sie.

Schritt 4: Diversität

Zusammen mit der am Schauspielhaus engagierten Agentin für Diversität Yuvviki Dioh stellte sich Sebastian Rudolph den Fragen der Theaterredakteurin des Zürcher Tages-Anzeiger. Unter der Überschrift "Wir werden dafür bezahlt, dass wir auch Dinge tun, die nicht gefallen" diskutieren die beiden die komplexe Situation und die widersprüchlichen Gefühle, die sie hervorruft. "Will man marginalisierte Positionen sichtbarer machen, bedeutet das auch etwas für die privilegierte Position", sagt Dioh. Der Prozess tue "extrem weh", sei "aber erwünschter Wandel".

Die Gegner der Veränderungen sind nicht zimperlich: Nach Erscheinen des Artikels wurde Dioh am Telefon rassistisch beschimpft, wie die Schauspielhaus-Intendanz in einem Zoom-Gespräch für diesen Artikel erzählt. Stadtpräsidentin Corine Mauch ordnet die Diversitäts-Bestrebungen ein: "Man darf das Ziel nicht vergessen: eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, in der es beispielsweise keine Rolle mehr spielt, welches Geschlecht man hat oder woher man kommt." Dieses Ziel "erreichen wir nicht ohne Reibung. Solche Konflikte gehören zum Wesen von gesellschaftlichen Entwicklungen und sozialen Bewegungen".

Schritt 5: Der Auftrag der Stadt

Das Kulturleitbild von Zürich fordert ein jüngeres, diverseres Publikum, stärkere kulturelle Teilhabe und Diversität. Das ist auch sinnvoll in einer Stadt, in der 170 Nationen leben und zwölf Prozent der Bewohner:innen Englisch als Hauptsprache nennen. Entsprechend haben Findungskommission und Verwaltungsrat die Schauspielhaus-Intendanten ausgewählt. In deren Leitauftrag ist festgehalten, dass das Haus national und international ausstrahlen soll – das tut es, wie Einladungen etwa an die Wiener Festwochen, die Salzburger Festspiele oder das Berliner Theatertreffen belegen.

"Ich habe unter der neuen Intendanz einige hervorragende Vorstellungen gesehen", sagt Corine Mauch und ist da mit vielen Theaterkritiker:innen einer Meinung. Ebenso fällt auf, dass das Publikum jünger ist und diverser in Hinsicht auf Gender, Race und Herkunft.

Schritt 6: Die Abonnenten

Doch bleibt die Frage nach den nicht verlängerten Abonnements. An einem Theater, das sich mit Trajal Harrell dem modernen Tanz öffnet und das mit Wu Tsang genrefluide Abende zwischen Film, Tanz und Schauspiel zeigt, fühlen sich traditionelle Besucher:innen nicht unbedingt aufgehoben. Tatsächlich lässt der Spielplan Lücken hin zum Traditionellen. Nicolas Stemanns Arbeiten sind die vergleichsweise konservativsten, lassen sie doch einen Großteil des Textes überleben. Das Personal aber wird radikal reduziert: Sowohl in "Besuch der alten Dame" als auch in "Ödipus" spielen nur zwei Schauspieler:innen, allerdings in beiden Fällen hervorragende.

Ließe sich das Problem nicht einfach lösen mit einer weiteren Hausregisseur:in, die sich dem traditionellen Sprech- und Literaturtheater verpflichtet fühlt? Zumal Leonie Böhm, Yana Ross und Alexander Giesche das ursprünglich mit acht Hausregisseur:innen angetretene Schauspielhaus-Kollektiv ohnehin verlassen haben? "Ich glaube auch, dass es wichtig ist, noch eine Handschrift zu finden, die mit Schauspieler:innen, mit Sprache, mit Literatur zu tun hat", sagt Nicolas Stemann im Gespräch für diesen Artikel. Da seien sich "im Haus alle einig".

Schritt 7: Wird in Zukunft alles besser?

"Brecht mal den Stab noch nicht so früh über uns" lautetet die Überschrift über einem Interview, das Daniele Muscionico und Julia Stephan für die CH Medien (€) recht aggressiv mit Stemann und Blomberg führten. Wird also in Zukunft alles besser? Benjamin von Blomberg stellt sich derzeit viele Fragen, denn er sieht die Theater in einer fundamentalen Krise. "Der Ruf muss sich verändern. Auch die Vorstellung in den Köpfen der Leute, was hier stattfindet." Es stimme nicht, dass ihre Vorstellungen anstrengend seien oder unsinnlich. Aber während es in der DNA der Theater liege, nach neuen Formen zu suchen und schwierige Themen zu verhandeln, hätten die Menschen in Krisenzeiten noch stärker Sehnsucht nach Zerstreuung und Entspannung. Das müsse Theatermacher:innen bewusst sein und sie sich fragen, was das heiße.

Stemann Blomberg 805 Flavio Karrer uSeit 2019 Intendanten in Zürich: der Regisseur Nicolas Stemann und der Dramaturg Benjamin von Blomberg © Flavio Karrer

Nicolas Stemann sagt: "Künstlerisch ist uns ziemlich viel gelungen. Wir haben Einladungen zu vielen wichtigen Festivals. Wenn dann vor Ort nicht genug Leute kommen, ist das bitter. Theater, das gut ist, aber keine Zuschauer:innen erreicht, ist nicht gut."

Wie also weiter? Von Blomberg hält an dem prinzipiellen Kurs der Öffnung fest. "Politisch ist der in meinen Augen alternativlos. Und künstlerisch sprechen auch die Arbeiten unserer Hausregisseur:innen Nicolas Stemann, Christopher Rüping, Trajal Harrell, Suna Gürler und Wu Tsang, dazu die von Yana Ross, Milo Rau, Leonie Böhm, Stas Zhyrkov, Christiane Jatahy und Alexander Giesche für sich."

Flanken schließen, Dialog öffnen

Das Schauspielhaus befindet sich also in einer Neuorientierung. Die Erregung schlug hohe Wellen, zu hohe. Nicht leicht, dabei das Ruder zu halten und den Kurs anzupassen. Die künstlerische Basis des Hauses stimmt, aber sie lässt Flanken offen, die leicht mit einer stärker traditionellen und dem Literaturtheater verhafteten Position abgedeckt werden könnten. Man darf hoffen, dass das Schauspielhaus-Team hier in naher Zukunft Lösungen präsentiert. So oder so täte es allen Seiten gut, den Dialog zu suchen und besser aufeinander einzugehen. Kein Publikum will belehrt werden, aber auch Theaterleute nicht. Es braucht genauso wenig Programmhefte, die den Kunstgenuss mit universitären Glossaren zudecken, wie (von fachfremden Redakteuren geschriebene) Feuilletonbeiträge, die wirken, als seien sie aus vorsintflutlicher Zeit in die moderne Migrationsgesellschaft und ihren Kunstbetrieb herübergeschwappt.

 

Heintges ValeriaValeria Heintges, Jahrgang 1968, hat Germanistik, Geschichte und Philosophie in Münster und Freiburg/Breisgau studiert. Sie war u.a. Redakteurin für die Sächsische Zeitung in Dresden und die Tagblatt-Medien in St. Gallen. Sie lebt heute als selbstständige Journalistin in Zürich und gehört aktuell der Jury des Berliner Theatertreffens an.

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#1 Schauspielhaus Zürich: Robert Hunger-BühlerBunuel 2022-11-03 15:56

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