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Endlich angekommen

von Nikolaus Merck

30. Juni 2017. Eitel Sonnenschein in Wien, da der zuständige Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien Magister Thomas Drozda den neuen Burgtheaterdirektor Martin Kušej den Medien präsentierte. Er freue sich, "den wichtigsten Regisseur des Landes" für das "wichtigste Theater des Landes" gewonnen zu haben, strahlte der Magister. Und der Künftige in Jeansjacke und krawattenlosem Blauhemd gleichsam sein Desinteresse am austriakischen Hof- und Kleiderordnungszeremoniell nach außen kehrend, revanchierte sich für die Freundlichkeit mit einem Herzensbekenntnis: "Ich kann nicht anders, ich bin halt Österreicher, deshalb ist der Burgtheaterdirektor ein besonderer Job", zudem sei er, anders als früher, diesmal gerufen worden, laut genug, um das beschauliche München für neue Wiener Herausforderungen hinter sich zu lassen.

Künstlerische Hoffnung

Und diese Herausforderungen sind nicht gerade klein, wenn man den Ausführungen Kušejs folgt. Das Burgtheater ist nach dem großen Hartmann-Stantejsky-Crash 2014 zwar von der Trümmerfrau Karin Bergmann und ihrem Geschäftsführer Thomas Königstorfer einigermaßen aufgeräumt worden, dafür stagniert es nun künstlerisch. Findet Kušej und benannte als Felder, auf denen er künstlerisch ackern wolle: die Digitalisierung, die multikulturelle Stadtgesellschaft, eine notwendige Internationalisierung und mehr Programm für Kinder und Jugendliche als die künftigen Zuschauer.

PK 30Juni2017 560 Andy Wenzel uPressekonferenz zur Bekanntgabe mit Martin Kušej (rechts), Kulturminister Thomas
Drozda (Mitte) und dem Chef der Bundestheater-Holding Christian Kircher (links) © Andy Wenzel

Das war nicht gerade überraschend und auch ein bisserl aus der Kiste der Allgemeinplätze gefischt. Aber heut' war eh alles egal, weil alle zusammen eine Freud' hatten. Die Journalist*innen scharrten und redeten den Burgmeister in spe in alter Haberer-Tradition des Landes gerne mit "Du" an, der Chef der Bundestheater-Holding verkündete die Überwindung der Schulden bis zum Amtsantritt Kušejs (der die schwarze Null in der Burgtheater-Kassa zur Voraussetzung eines möglichen Burgdienstes erklärt hatte) und der Rest war Verkündigung von dem, was alle erhofft hatten: Schauspielertheater als Seelenbildung, Wertschätzung für das Ensemble, Modernisierung und Wiederwichtig-Machung der Burg in Europa, die Ankündigung, politisch nicht die Gosch'n zu halten, das alles aber mit den Mitteln der Kunst, der Kunst und nichts als der Kunst.

Vergangene Ränkespiele

Zweimal bereits hatte sich Martin Kušej in der Vergangenheit auf Theaterposten in Wien beworben, zweimal hatten die Bürovorsteher der Hauptstadtkunst den "wichtigsten Regisseur des Landes" verschmäht. 2005 verlängerten die "roten" Stadtherren von der SPÖ doch lieber den Vertrag des umgänglichen Luc Bondy als Festwochenchef, und 2009 zog die schwarzblaue Bundesregierung in Gestalt ihres Staatssekretärs, des Burgschauspielers Franz Morak, den unpolitischen Zampano Matthias Hartmann dem radikaleren Regie-Matadoren vor. Das Ende dieses unpolitisch-politischen Engagements ist bekannt.

So schließt die kommende Intendanz Kušej gleichsam an die Vorvergangenheit der Burg an. In der Ära des Direktors Klaus Bachler hatte Kušej kräftige ästhetische Marken gesetzt. Mit "König Ottokars Glück und Ende" von Franz Grillparzer, Nestroys "Höllenangst" und dem wieder ausgegrabenen Weibsteufel von Karl Schönherr feierte der damalige Salzburger Festspiele-Schauspielchef in Wien Triumphe. Nicht nur Eva Maria Klinger auf nachtkritik.de vermutete damals, dass allein politische Ränkespiele im Bundeskanzleramt den bekennenden Kärntner Slowenen in der Burg verhindert hatten.

Nun ist er da

Nun ist er da. Und mit ihm endet auch (hoffentlich) endgültig die unendliche Geschichte von Vetternwirtschaft und Korruption am größten deutschsprachigen Theater. Die hatte bereits in den frühen 2000er Jahren unter Klaus Bachler begonnen, Geschäftsführer der Burg war damals Thomas Drozda, der heute als zuständiger Kunstminister den Neuen in Wien vorstellte. Karin Bergmann, von der Kusej im Sommer 2019 den Direktorinnenposten übernehmen wird, war damals Vizedirektorin, doch von den "dolosen Handlungen" der Silvia Stantejsky, der nachmaligen Geschäftsführerin, die von Thomas Drozda auf diesen Posten befördert worden war, wollte keiner von beiden hinterher etwas gewusst haben.

Auch wenn nach wie vor unklar ist, ob und welche Gerichtsprozesse in dieser causa noch folgen werden, die Sache scheint weitgehend ausgestanden. Wenn Martin Kušej nach 25 Jahren in Deutschland nach Wien zurückkehren wird, soll das mehr sein als bloß die Erfüllung seiner "Lebensliebe" zum Burgtheater. Denn neben dem, was fällig ist, hat er Großes vor: "Das Theater ist identitätsstiftend für das Land. Ich sehe es als meine Aufgabe an die nächsten 20, 30, 40 Jahre für das Theater vorauszuplanen." Und: "Es ist wieder an der Zeit, etwas zu machen, was ähnlich radikal ist wie die Volksbühne in Berlin vor 25 Jahren."

 

Mehr dazu:

+ Presseschau vom 30. Juni 2017 – Erste Presse-Reaktionen auf die Wahl von Martin Kušej als Burgtheaterdirektor

Kommentare  
#1 Kušej ans Burgtheater: tänzelnde FreudeD. Rust 2017-06-30 17:18
Sehr geehrter Nikolaus Merck - das kann gar nicht sein!
Der Burgtheaterdirektor war doch schon 2014 ich geworden! Das habe ich schriftlich! Hat denn das niemand den Österreichern oder dem Kusej gesagt?!
Und damals hatte ich nur ein einziges Alleinstellungsmerkmal für die Burg Theater parat - jetzt, inzwischen, nach gut drei Jahren Praxis habe ich bereits vier!
Wenn also der Herr Kusej mal nicht mehr weiter weiß, kann er mir ein Angebot machen, das ich nicht ablehnen kann und ich verkauf sie ihm. Oder wem sonst, der ein Theater hat und sich das was kosten lässt.
Ich wünsch ihm trotzdem viel Erfolg.
Schon wegen der theaterbegeisterten Wiener.
Wenn wir in Berlin je ein so schönes graduiertes Förderungssystem wie das Burgtheater in Wien für zum Beispiel die Volksbühne gehabt hätten, dann wäre die wunderbare Frau Rois auch nach dem Intendantenwechsel nicht nur als entbehrlich in die Pause entlassen, sondern nachgerade mit einigen anderen neuen und längerjährigeren Kolleg*innen weiter vollkommen unverzichtbar. Das hat der Castorf einfach nicht richtig angepackt, weil er nicht wusste, wie gut das tut für Zuschauer, wenn ihnen für ihre Spende das Glasl Sekt in die Loge gebracht wird vor aller Leute Augen! - Gut, bei ihm hätte es ein Joint oder Bier oder ein Blasen- und Nierentee vielleicht auch getan - aber trotzdem - von Fördererbindung kann der nix so recht verstanden haben...
Ich gebe zu, ich bin düpiert! - Aber ich wünsche dem besten heimgekommenen österreichischen Regisseur als Burgtheaterdirektor in meiner Eigenschaft als Burg-Theater-Direktor dennoch alles Gute.
Es grüßt Sie die sich verhoben habende - s.o.
#2 Kušej ans Burgtheater: Warum nicht mit Leben füllen?Susanne Peschina 2017-06-30 21:12
Hoffentlich wird es besser als es sich liest. Ein Theater nur mit Kunst, Kunst und wieder nur Kunst zu füllen, klingt eher nach nobler Fadesse. Ich hätte gerne gelesen, dass es mit Leben gefüllt werden soll, mit Menschen, mit Erregung, mit Diskussion, mit Bewegung und Spannung. Nicht mit Digitalisierung und Streben nach internationaler Wertschätzung. Aber ich bin natürlich ein Peymann-Fan und fand schon die Bachler-Zeit in ihrer Arroganz und Publikumsferne furchtbar.
#3 Kušej ans Burgtheater: nicht "entlassen"Porzellangasse 2017-07-01 00:40
Frau Rois wurde dem Vernehmen nach nicht im geringsten "entlassen". Und an der Volksbühne ging es um mehr als Joints ;-)
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